»Die Autonomen wurden nicht von den Bullen besiegt«

junge welt, 16.09.2017



Gespräch mit Sebastian Lotzer über seinen Roman »Begrabt mein Herz am Heinrichplatz«, die Liebe und die Gewalt. Über Autonome in Westberlin, Straßenschlachten und Vollversammlungen

Markus Mohr:Herr Lotzer, Sie heißen gar nicht Lotzer. Warum haben Sie Ihren Roman über die Autonomen-Bewegung unter Pseudonym verfasst?

Sebastian Lotzer:Sebastin Lotzer war ursprünglich ein Arbeitspseudonym. Dann ging das alles sehr schnell mit der Zusage der absolut liebenswerten Jungs von Bahoe Books. Da ist es bei dem Namen geblieben. Im übrigen war Sebastian Lotzer ein Anführer aus den Bauernkriegen. Seine Vita lässt sich ja im Zeitalter des Internet leicht recherchieren. Das spricht für sich.

Ihr Buch steht in der Tradition freier, von allen staatlichen Fördertöpfen ausgeschlossener autonomer Publizistik. Sie können doch nicht ernsthaft glauben, damit viel Geld zu machen. Warum haben Sie es trotzdem geschrieben?

Mir hat das Schreiben vor allem Freude bereitet, und ich war in nicht mal fünf Monaten fertig. Ich kenne nur zwei Romane zu meinem Objekt der Begierde: »Die kalte Haut der Stadt« von Michael Wildenhain aus dem Jahr 1991 und »Wir tanzten bis zum Ende« von Tomas Lecorte, 1992 erschienen. Ansonsten gibt es über diese Bewegung, wenn mensch sie denn so nennen will, kaum etwas. Was auch damit zu tun hat, dass zum Beispiel viele Menschen aus der 68er-Revolte in ein sehr bürgerliches Leben zurückgekehrt sind, während sich viele ehemalige Autonome, die ich noch kenne, sich mit Sozialarbeit, Harz IV oder als kleine Selbständige mit viel Selbstausbeutung über Wasser halten. Ich wollte aber nicht, dass diese Geschichten verlorengehen oder von Dritten bewertend wiedergegeben werden. Eigentlich ist das Buch aufgeschriebene Oral History. Deshalb wird auch kaum reflektiert oder eingeordnet. Ich wollte einfach die Stimmung der damaligen Zeit treffen. Wenn das rüberkommt, würde mich das sehr freuen.

Auf dem Klappentext wird tatsächlich eine Zeitreise versprochen – »durch die Welt einer untergangenen Bewegung« in der »sagenumwobenen Halbstadt« Westberlin. Bei welcher Schlacht besiegte denn die Polizei die Autonomen und sorgte so für ihren Untergang?

Die Autonomen wurden nicht von den Bullen besiegt (lacht). Eigentlich sind wir in den Strudel weltpolitischer Ereignisse geraten und sind damit nicht klargekommen. Im Mai 1989 wurden noch ganze Polizeihundertschaften durch die Straßen von Kreuzberg getrieben, die Medien sprachen von den schwersten Auseinandersetzungen in Westberlin seit 1945. Nur ein paar Monate später fiel die DDR in sich zusammen, und dann ging es voll ab mit Faschos, den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, usw. Ich kann mich erinnern, dass wir jedes Wochenende in ein anderes Kuhdorf im Osten gefahren sind, um den Leuten dort zu helfen. Zum Schluss mit Eisenstangen, weil wir nicht einschätzen konnten, auf wen wir stoßen würden. Die wurden aber zum Glück nie eingesetzt.

Ihr Protagonist, ein Autonomer namens Paul, purzelt durch alle möglichen Straßenschlachten, Demonstrationen und Debatten, von 1980 bis 1995: Berliner Häuserkampf, Tschernobyl, Hafenstraße, 1. Mai in Kreuzberg, die IWF/Weltbank-Tagung, das Zusammensinken der DDR, das Aufkommen der Nazis, der zweite Golfkrieg, Hoyerswerda/Rostock. Paul irrt einfach immer weiter.

Ach was, das stimmt doch nicht, Paul irrt da doch gar nicht herum. Mensch hatte bestimmte Ansichten und bestimmte persönliche Zusammenhänge, und daraus haben sich die Dinge immer irgendwie ergeben. Es gab nie wirkliche Theoriearbeit, auch wenn einige viel gelesen und diskutiert haben. Mensch muss sich nur mal die Ausgaben der Radikal (1) aus der damaligen Zeit anschauen. Das waren ja eigentlich immer nur theoretische Versatzstücke. Ich habe mal an anderer Stelle geschrieben, die deutschen Autonomen hätten von der Autonomia aus Italien nur den Namen geerbt. Leute wie die von der Gruppe Wildcat, die immer ganz viel theoretisch gearbeitet haben und bis heute eine gleichnamige Zeitung machen, waren in der Szene Paradiesvögel. In den Neunzigern hat sich das etwas verändert. Zum einen durch die Folgen der sogenannten Wiedervereinigung, zum anderen aber auch, weil viele von uns einfach älter geworden sind – und trotzdem dabeigeblieben sind. (lacht).

Der Titel Ihres Romans spielt auf einen Artikel in der Zeitschrift Radikal über Strategieprobleme der Westberliner Hausbesetzerbewegung im Jahre 1981 an, was wiederum eine Anspielung auf ein Buch aus den frühen Siebzigern war, das der Historiker Dee Brown über den Genozid an den nordamerikanischen Indianern veröffentlicht hatte: »Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses«. Waren die militanten Westberliner Hausbesetzer auch Indianer?

Na ja, es gab ja damals die Poster mit den Bildern und Sprüchen von den Ureinwohnern Amerikas. Die hingen in so ziemlich jedem besetzten Haus und in den WGs. Und wir Jungs haben uns bestimmt auch ein bisschen wie ein Haufen wilder Krieger auf Kriegspfad gefühlt.

Paul benutzt für die Autonomen in den frühen Neunzigern dann auch das Bild von den »letzten Mohikanern«, die von der staatlichen Übermacht »in irgendein Reservat abgedrängt werden, um sich dort voller Ekel als Alleinunterhalter für Schaulustige und Touristen zu verdingen«. Können Autonome nicht weiter auf dem Kriegspfad bleiben?

Wenn sich denn welche für einen solchen Lebensentwurf finden ließen, bestimmt. Aber solche Leute sind rar gesät. Mich erinnern die Leute aus der Rigaer immer ein bisschen daran. Die werden ja häufig hinter vorgehaltener Hand belächelt, aber ich finde die irgendwie geradeaus und angenehm verrückt.

Ihr Protagonist scheint autonome Vollversammlungen nicht zu schätzen. Nach dem Kiezaufstand vom 1. Mai 1987 geht er widerwillig zu einer hin, und beklagt sich dann darüber, dass wie gewohnt die Wortführer das Maul aufmachen und negative Anekdoten erzählen. Für ihn sorgen »Szenegesetze« dafür, dass es besser sei, die Klappe zu halten. Gibt es da keine Alternative?

Hier liegt ein Irrtum vor. Ich war auf zahllosen Besetzerräten und Vollversammlungen und erinnere mich gern an deren Lebendigkeit. Es wurde wie irre gequalmt, herumgestritten, auch durchaus immer mal wieder lautstark. Aber meistens kam am Ende auch irgend etwas Brauchbares heraus. Und wenn mensch nur spontan raus auf die Straße ist und eine Demo gemacht oder etwas zerlegt hat. Die Geschichte mit dem 1. Mai ’87 und der Vollversammlung danach ist eine ganz spezielle. Hier kam es das erste Mal seit dem Streit Anfang der Achtziger, ob die besetzten Häuser verhandeln sollten oder nicht, wieder zu einer Spaltung in der Szene. Die Risse haben sich auch später nie wieder kitten lassen und setzten sich fort, zum Beispiel bei der Diskussion, wie auf das Pogrom von Hoyerswerda 1991 zu reagieren sei.

Im Roman verglimmt Pauls Freundschaft und Liebe zu Cara. Der Text glänzt aber durch die Abwesenheit von Sexszenen. Andererseits ist er auch völlig frei von antisexistischen Überlegungen. Als »Faschist im Bett« wurde er jedenfalls nicht enttarnt, was ein Thema auf dem Autonomie-Kongress Ostern 1995 war. (2)

Auf diesem bescheuerten Kongress war ich nicht. Und obwohl ich eine Beziehung zu einer Frau hatte, die in einer der wenigen militanten Frauenzusammenhängen organisiert war, musste ich solche Diskussionen nie führen. Es gab eigentlich nur zwei Geschichten, an die ich mich erinnere. Erstens wurde mir klargemacht, dass jeder Mann, also wirklich jeder, ein potentieller Vergewaltiger sei. Was ich zwar theoretisch nachvollziehbar fand, aber irgendwie hat es mich dann doch in meiner ach so sensiblen Männerseele gekränkt, dass meine Liebste mich da nicht ausschließt. Und zweitens gab es dann irgendwann die ersten Frauen bei der Bereitschaftspolizei. Damals tauchte auch der Text von Klaus Viehmann und Co. zu Triple Oppression2 auf. Ich wollte wissen, was das ganz konkret bedeuten würde. Die Antwort lautete, wenn die Polizistin zuerst zuschlägt, dürfte ich zurückschlagen, ansonsten solle ich mich doch bitte lieber an die zahlreich vertretenen Polizisten halten (lacht).

Der Text der Revolutionären Zellen von 1991, der die Ermordung ihres Genossen Gerd Albartus reflektierte (3), gilt Paul als ein »Abgesang« auf eine militante Politik. Aber war dieser Text nicht auch eine frühe Fanfare für die nachfolgende antideutsche Politik gegen die militante Linke?

Das ist nicht meine Deutung.

In der editorischen Notiz verweisen Sie darauf, dass alle handelnden Personen »frei erfunden (sind) soweit sie nicht Personen der Zeitgeschichte sind«. Sie nennen hier u. a. den in den 1990er Jahren führenden Theoretiker der Antideutschen, Jürgen Elsässer. Was bedeutet es, dass Autonome in mehr als 30 Jahren ihrer Existenz keine »Personen der Zeitgeschichte« hervorbringen?

Elsässer war damals schon sehr selbstverliebt. Es wird sein Ego bestimmt wieder aufpolieren, dass er in meinem Buch erwähnt wird, wo es politisch gerade nicht so gut für ihn läuft.

Ihr Protagonist Paul wendet sich immer wieder instinktiv gegen »Verhandlerschweine«, »autonome Reformisten«, aber auch gegen die »Langhaarigen«, die sich die Haare kürzen, wenn sie ihr Studium zu Ende bringen. Wer hat den Autonomen die Haare geschnitten? Und wer hat sie gezwungen, ihr Studium abzubrechen?

Hier liegt ein Missverständnis vor. Paul hatte selber lange Zeit lange Haare. Er opferte sie nur widerwillig aus Gründen der Konspiration. Und die autonomen Reformisten waren die legitimen Nachfolger der »Verhandlerschweine«. Interessanterweise teilweise auch in Personalunion, denn etliche von denen wohnen in »legalisierten« Häusern, teilweise bis heute. Und auf seinen politischen Instinkt zu hören ist nicht verkehrt, vor allem wenn so etwas wie Verrat und Ausverkauf in der Luft liegt.

Abschwören, jammern, wieder nach Hause „in die Menschlichkeit“ (4) zurückkommen, ist nicht Pauls Ding. Für ihn gilt für 15 lange Jahre: Nach der Schlacht mit der Polizei ist immer vor der nächsten Randale. Wollen Sie diese Haltung an die nächste Generation Linksradikaler weitergeben?

Also ich finde, dass Paul in seinen bewegten Jahren inmitten der Menschlichkeit war, soweit dies unter diesen Bedingungen, die wir vorfanden, überhaupt möglich war. Und es geht doch letztendlich immer in der Zuspitzung um den Zusammenstoß mit der staatlichen Gewalt. Dies und die Frage nach den Eigentumsverhältnissen, sind die einzigen Regungen, die nicht integriert werden können. Alles andere trägt letztendlich immer zur Modernisierung und damit zum Weiterbestehen der herrschenden Ordnung bei. Die Leute vom Kollektiv Tiqqun aus Frankreich haben doch Jahre später das in »Kybernetik und Revolte« aufgeschrieben. Wir haben damals nicht über das theretische und philosophische Rüstzeug verfügt, aber intuitiv hatten wir das schon begriffen.

Am Ende des Romans ist Paul davon überzeugt, dass seine Zeit vorüber ist: »Ihre Begrifflichkeiten, ihre Theorien, ihre Visionen waren nichts mehr wert. Zu Recht. Sie waren Leuchtspurgeschosse gewesen, die um ihre Vergänglichkeit wussten.« Woher weiß der Indianer Paul das?

Er weiß es einfach. Ich glaube, »Bewegungen« haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Deshalb tun sich auch so viele linke »Politprofis« damit so schwer. Es soll immer alles erklärbar, nachvollziehbar und am liebsten noch vorhersagbar sein. So ist das Leben nicht. Und »Bewegungen« heißen ja so, weil sie sich bewegen, also lebendig im Fluss sind. Für mich war 1995 die Zeit der Autonomen vorbei, auch weil sich eine Generation verabschiedet hat. Es kommt immer etwas nach, aber wenn hier wirklich etwas Neues entstehen soll, muss das auch im Bruch mit den ganzen alten Bildern und Ritualen passieren. Wir mussten damals mit dem Schrott der K-Gruppen und Spontis vor uns brechen. Eine eigene Sprache, eigene Bilder finden. Vielleicht hatte ja auch unsere Theoriefeindlichkeit etwas damit zu tun. Wir sahen ja, was aus diesen ganzen alten »Revolutionären« geworden war. Kleinbürger, die sich ihr sicheres Nest gebaut hatten und jetzt höchstens noch etwas Sympathie und ein paar Groschen Spende für uns übrig hatten. Wenn sie nicht damit beschäftigt waren, uns bei Bündnisgeschichten, wie z. B. zu den Großdemos zu Staatsbesuchen, über den Tisch zu ziehen. Es gab immer Ausnahmen. Leute, die z. B. in der Alternativen Liste und anständig geblieben waren. Es waren aber Ausnahmen. Howgh, ich habe gesprochen.

Anmerkungen:

(1) Radikal: Zeitschrift von Autonomen in Berlin. Gegründet 1976, wurden ihre Macher permanent mit Prozessen überzogen, weshalb sie seit 1984 im Untergrund erscheint.

(2) »Triple Oppression«: Begriff aus der englischsprachigen Linken für die dreifache Unterdrückung »durch Kapital, Patriarchat und Rassismen«, wie Klaus Viehmann zusammen mit anderen in einem Aufsatz schrieb, der in dem Sammelband »Metropolen(gedanken) und Revolution?«, Edition ID-Archiv 1991, zu finden war.

(3) »Gerd Albartus ist tot« war der Titel einer Erklärung der Revolutionären Zellen (RZ), der neben RAF und Bewegung 2. Juni dritten deutschen Stadtguerilla, vom Dezember 1991. In ihr wurde die Ermordung ihres Mitglieds Gerd Albartus 1987 durch eine propalästinensische Gruppe (mutmaßlich angeführt von Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos) bekannt gemacht und über grundlegende Probleme in der Palästina-Solidarität nachgedacht: »Wir wollen uns nicht an Legenden und Bilder klammern, die weniger unseren Erfahrungen als vielmehr naiven Projektionen oder aber handfesten Verdrängungen geschuldet sind. (…) Wir machten uns die Losungen des palästinensischen Befreiungsskampfes zu eigen und setzten uns darüber hinweg, dass unsere Geschichte eine vorbehaltlose Parteinahme ausschloss.«

(4) »Rückkehr in die Menschlichkeit« war 1979 ein Bestseller des untergetauchten ehemaligen RZ-Mitglieds Hans-Joachim Klein, in dem er sich von seiner politischen Vergangenheit distanzierte, vor allem von seiner Beteiligung an der Geiselnahme der OPEC-Minister 1975 in Wien durch die Carlos-Gruppe. Schon 1977 hatte er öffentlichkeitswirksam seine Pistole an den Spiegel geschickt. Klein wurde 1998 in Frankreich nach fast 25 Jahren in der Illegalität festgenommen, als Kronzeuge eingestuft und von Prominenten aus dem Frankfurt Grünen-Milieu, seinen alten Bekannten, verteidigt. Er kam 2009 frei.



Rezensiert von: Markus Mohr
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