Für das Ende der Menschenfresserei

Augustin, Nr. 463, 4.7.2018



Eine alte Frau sitzt am Kamin und erzählt aus ihrem Leben. Ein Leben, angetrieben von der Abscheu vor Elend und Unfreiheit, die sie schließlich zu einer unermüdlichen Kämpferin für die soziale Revolution werden lässt. Die Frau ist Louise Michel, Kommunardin, Anarchistin, Feministin, deren Lebenserinnerungen Eva Geber beinahe so schreibt, als wären sie ein Zeitzeuginnenbericht: Sie überlässt es Louise selbst, aus einer sehr persönlichen Perpsektive ihr bewegtes Leben zu erzählen. Ein intimer Text mit emotionalen Elementen, der auch Eigenheiten nicht ausspart (die heißgeliebten Katzen!). Und wie Erinnerungen eben sind, schweifen sie auch manchmal ab. Der Erzählfluss wird untermauert von Gebers umfassender Recherche und ihrer tiefen Kenntnis der Schriften Louise Michels. Es sind nicht alleine die politischen Texte, sondern auch persönliche Briefe sowie – von Geber ins Deutsche übertragene – Gedichte, die in das Buch einfließen. Dabei schafft die Autorin das Kunststück, große Nähe herzustellen, ohne den historischen Kontext zu verlassen. Über die Ich-Erzählung zoomen wir in die Geschichte hinein und erleben sie in eindringlicher Unmittelbarkeit mit, sitzen gleichsam mit Louise auf den Barrikaden der Pariser Kommune oder später in der Verbannung in Neukaledonien am Lagerfeuer der Kanak, deren Sprache sie lernt und deren antikolonialen Widerstand sie befürwortet. Was uns im Text begegnet, mutet – bei allen Unterschieden – oft seltsam vetraut an: Verschärfung von Überwachung, Prozesse gegen Staatskritiker_innen, schlechtere Löhne für Frauen, Ausgrenzungen in Schulen, globale Ausbeutung … Und mit allen Widersprüchen, die Eva Geber ihrer Louise Michel belässt, erscheint auch ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Freiheit – für alle Geschlechter, alle Menschen, gleich welcher Herkunft, ja auch für die Tiere – als zeitgemäß und inspirierend. Michels Kritik gilt jeglichen Machtstrukturen, die sie als Anarchistin als nicht geeignet ansieht, um ein freies und glückliches Leben zu leben. Apropos, was ist das mit dem Menschenfresser? Lassen wir uns nicht in die Irre führen, der Menschenfresser der Ausbeutung lebt mitten zwischen uns. Ihn gilt es zu bekämpfen.



Rezensiert von: Lisa Grösel
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