Die Anarchistin und die Aufmerksamkeitsökonomie

BUCHKULTUR 178 | 3/2018



Eva Gebers Roman über die Kommunardin Louise Michel schließt eine wichtige Lücke und ist zugleich eine verwirrende Melange mit seltsamem nachgeschmack..

Zu behaupten, das Leben Louise Michels (1830–1905) sei „ungewöhnlich“ oder „aufregend“ gewesen, wäre eine gewaltige Untertreibung. Geboren als uneheliches Kind der Schlossmagd Marie-Anne Michel, kam Louise Michel über ihre Großeltern Demahis schon früh mit den Werken und Werten der Aufklärung in Berührung. Später arbeitete sie als Lehrerin, oft in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, und 1871 zählte sie zu den bewaffneten Kämpferinnen der Pariser Kommune. Daraufhin wurde sie auf die Inselgruppe Neukaledonien verbannt, wo sie ein knappes Jahrzehnt lebte und die Sprache und Kultur der indigenen Bevölkerung lernte.

Erzählt wird Gebers Roman von Louise Michel selbst, und sein größtes Manko ist zunächst, dass er im Grunde kein Roman ist, sondern eine Biografie mit fiktionalen Anteilen. Es gibt zwar eine fiktive Rahmenhandlung, die immer wieder aufscheint – Louise Michel sitzt, 74-jährig, am Kamin und blickt auf ihr Leben zurück –, doch der spürbare Anspruch Gebers auf historische Faktizität lässt viele Kapitel eher wie Essays oder historische Abhandlungen anmuten, samt Überschriften wie „Die Ideen der Commune“ sowie Quellenangaben. Geber hat ihr Sujet tiefgründig recherchiert und zudem viele Gedichte und Aufzeichnungen Louise Michels erstmalig ins Deutsche übertragen – allein das macht dieses Buch zu einem Kleinod. Das Genre der Biografie wäre dennoch vielleicht die bessere Wahl gewesen. Die Deklarierung als Roman und die fiktionalen Anteile bewirken außerdem Unsicherheiten: Auf welche Fakten kann ich mich als Leserin verlassen? Der Neukaledonien-Teil strotzt überdies vor (vielleicht unumgänglichem) Paternalismus, über den auch die üppige, bildreiche Sprache nicht hinwegtrösten kann. Dass das reduktive Klischee der „Menschenfresser“ im Titel wieder aufgerufen wird, zeigt schließlich, dass die kapitalistische Aufmerksamkeitsökonomie auch vor Freiheitskämpferinnen wie Louise Michel keinen Halt macht.



Rezensiert von: ROWENA KöRBER
Link: www.buchkultur.net/archiv/pdf/Buchkultur_178_krimi_jo.pdf