Dem Untergang geweiht

Mo – Magazin für Menschenrechte, Nr. 51, 30. 5. 2018



Aminas Onkel verfügt nicht über ausreichend Geld, um den Fischern zwei Plätze auf einem der Boote abkaufen zu können. Er lässt Amina den Vortritt für die Reise. Doch das Boot, das das Mädchen in Sicherheit bringen soll, hat auf der Überfahrt zu viele Passagiere geladen. Auf hoher See geht Amina über Bord.

Während sie in die Tiefen des Meers hinabsinkt, erinnert sie sich an ihre Eltern und daran, dass sie von ihrer Mutter immer wieder dazu ermutigt wurde, ebenso stark wie die legendäre Königin Zenobia zu sein. Zenobia herrschte im 3. Jahrhundert n. Chr. über das Reich von Palmyra, das sich vom heutigen Ägypten bis in das Gebiet der heutigen Türkei erstreckte. Amina, die in der Not des Krieges ihren ganzen Mut zusammengenommen hat, wird freilich "einen Ort, wo es keine Soldaten gibt" nicht mehr erreichen.

Der dänische Autor Morten Dürr und der Illustrator Lars Hornemann verbinden die Geschichte von Amina mit der Erzählung über die Herrscherin Palmyras, sprachlich verknappt und in mitreißend poetisch klaren Bildern.

Was aber beleibt von jenen Leben, die auf der Flucht ihr bitteres Ende finden? Und wie kann sich ein abgeschottetes Europa seine Menschlichkeit bewahren, wenn Flüchtlingshefern wie dem Dänen Salam Aldeen ein Prozess wegen Menschenschmuggels gemacht wird, weil er auf der griechischen Insel Lesbos Hilfe geleistet hat?

"Zenobia" beantwortet diese Fragen nicht, aber der Graphic Novel gelingt es wie kaum einer anderen künstlerischen Verhandlung des Themas Flucht und Krieg, notwendige Räume der Auseinandersetzung zu öffnen und forciert damit eine der grundlegendsten Fragen der Gegenwart.

2016 in Dänemark erschienen, avancierte die Graphic Novel zum Bestseller und wurde mit dem Nationalen Illustrationspreis des Dänischen Kulturministeriums, dem "Deuleran Prisen" für den besten dänischen Comic des Jahres 2017, ausgezeichnet. Mittlerweile wurde "Zenobia" auf Arabisch, Englisch, Französisch, Koreanisch, Türkisch, Schwedisch und Spanisch veröffentlicht. Große Empfehlung, auch für ein junges Publikum!



Rezensiert von: Evelyn Steinthaler
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