In Deutschland? Ein einziger Brei!

Neues Deutschland, 13. 6. 2018



Ein Gespräch mit dem Autor Sebastian Lotzer über Militanz und soziale Kämpfe in Frankreich und Deutschland.

Sebastian Lotzer heißt eigentlich anders. Seinen bürgerlichen Namen wird er auch am Ende des zweistündigen Gesprächs nicht verraten. Dies tut aber auch nichts zur Sache. Sein Pseudonym verweist auf den gleichnamigen Schriftsteller der Reformation, der eine erste Aufstellung von Menschen- und Freiheitsrechten auf deutschem Boden zu Papier gebracht hatte. Freiheit und Selbstermächtigung sind dann auch die zentralen Themen des Gesprächs in einer Kneipe in Berlin-Kreuzberg, die Lotzer vorgeschlagen hat.

Direkt am Anfang muss er erst einmal laut lachen. Die Frage, was am diesjährigen 1. Mai in Berlin los war, beantwortet er eindeutig: »Partyfaschismus. Und einige Leute, die schwarz gekleidet und vermummt eine halbe Stunde spazieren gegangen sind. Das war alles.«

Euphorischer fällt sein Blick über den Rhein aus. Lotzer hatte jüngst mit »Winter is coming« ein Buch über die sozialen Kämpfe in Frankreich veröffentlicht. In Paris brannten am 1. Mai Autos, Läden wurden geplündert und Banken entglast. »Dort geschehen spannende Dinge«, so Lotzer. »Bereits 2016 gab es bei den Protesten gegen das Arbeitsgesetz gemeinsame Aktionen von Gewerkschaften, Studierenden, Eisenbahnern und radikalen Linken. Da hat sich etwas verändert: Verschiedene Kämpfe kommen hier zusammen.«

Woher kommt diese Zusammenarbeit? »Man muss die Situation in Frankreich bedenken. Es gab 2016 die realistische Chance, das Marie Le Pen Präsidentin wird. Es gab nur düstere Aussichten, nur reaktionäre Scheiße. Dagegen regte sich aber Widerstand. Verschiedenste Leute kamen an der Basis zusammen und schufen sich selbst neue Parolen, neue Begrifflichkeiten und neue Aktionsformen.« Lotzer kommt dabei ein wenig ins Schwärmen: »In Frankreich gibt es eine fortschrittliche Tradition. Zum einen gibt es dort Intellektuelle und Kulturschaffende, die gesellschaftspolitisch denken und sich auch äußern, und zum anderen haben auch die Antagonisten, also die Radikalen und Militanten in Frankreich, ein theoretisches Futter. Da kommen Sachen zusammen. Ein Anfang ist gemacht.«

Nachdem die erste Schachtel der roten Gauloises im Softpack bereits aufgeraucht ist, kommen wir auf die Situation in Deutschland zu sprechen. Lotzers Stimme wird strenger. Er bittet nach der ersten Frage hierzu, kurz das Diktiergerät zu stoppen, er müsse sich sammeln. Seine Antwort zum Zustand der aktuellen radikalen Linken fällt dabei alles andere als wohlwollend aus: »In Deutschland? Ein einziger Brei, eine einzige Soße!«

Von einer Zeit, in der scheinbar noch alles besser war, handelt Lotzers Buch »Begrabt mein Herz am Heinrichplatz«, in dem er die autonome Szene Westberlins der 80er/90er beschreibt. Ist das Buch ein Versuch, an die militante Tradition in Deutschland zu erinnern? »Das Buch habe ich geschrieben, damit diese Geschichten nicht verloren gehen. Ich wollte das Sprechen und Denken der damaligen Zeit dokumentieren. Über die Bewegung der 80er/90er Jahre gibt es auch vergleichsweise wenig Literatur. Ich wollte die Akteure darstellen in ihrer ganzen Heterogenität. Es gab Studierende, Junkies, Aussteiger und proletarische Jugendliche, die eine Gegengesellschaft geschaffen haben. Ich kann mich erinnern, wenn man vom Kurfürstendamm nach Kreuzberg U-Bahn gefahren ist – spätestens an der Möckernbrücke stiegen die Kontrolleure aus, und ab da waren nur noch Studis, Ausländer, Punker und Hausbesetzer in der Bahn. Kreuzberg war wirklich eine andere Welt. Es gab eine Alternativszene, die eng verwoben war mit Hausbesetzungen, mit der ›taz‹, die damals ja wirklich noch ein linksradikales Blatt war.« Lotzer muss lachen. »Das kann man sich heute alles nicht mehr vorstellen.«

Lotzer klingt hier melancholisch und wehmütig, der guten alten Zeit nachtrauernd. Trotzdem ist es spannend, Lotzer bei seinen Ausführungen zu folgen. Ob dies Erfahrungen sind, die er selbst gemacht hat, oder ob es sich lediglich um literarische Erzählungen handelt, lässt er unbeantwortet. Es ist aber ein sehr beredtes Schweigen. Lotzer spricht weiter von linker Subkultur, von Straßenschlachten und von klandestinen Zusammenhängen. Diese Nostalgie hat teilweise etwas Rührendes. Für einen Großteil radikaler linker Politik mögen Lotzers Analysen aus der Zeit gefallen wirken. Gibt es für ihn aktuelle Aktionsformen, die er begrüßen kann? »Die G20-Proteste zum Beispiel. Für mich war klar, das G20 ein Event werden wird, nach dem alles so bleibt wie bisher oder noch schlimmer wird. Was aber dann spannend wurde, war der Abend in der Schanze, wo nicht mehr eine politische Szene mit der Staatsmacht kämpfte. An diesem Abend wurde der politische Raum zu einem sozialen Raum, und unterschiedlichste Akteure kamen zusammen. Die radikale Linke begreift dies aber nicht.«

Braucht es denn für eine solche Politik Militanz? »Nicht militant, wie man es in Deutschland versteht. Sondern eine politische Militanz, Disziplin und Bewusstsein. Die Leute müssen uns die Einstellung abkaufen. Die aktuellen Besetzungen in Berlin waren ein typisches Negativbeispiel. Eine tolle Aktion, die sich aber dann gefeiert hat, weil sie mit der Politik verhandelte und so positiv in der Presse besprochen wurde. Das ist keine Organisierung von unten, da geht es nicht um die Eigentumsfrage, sondern lediglich darum, der linksradikale Flügel der Linkspartei zu sein – um mehr nicht.«

Hier wird Lotzer unerbittlich. Jede Politik, die nicht seinen Vorstellungen und Erinnerungen an die 80er Jahre entspricht, bleibt für ihn ungenügend. Auch Fragen der Begrenzungen und Gefahren solcher Politik werden abgebügelt. Ein solch militante Sichtweise kann verklärend sein: heroisch und männlich. »Militanz mit Mackertum zu vermischen, ist heuchlerisch«, so Lotzer. »Auch in den 80ern gab es radikal-feministische Frauenzusammenhänge, die theoretisch gearbeitet haben, auch auch bei militanten Auseinandersetzungen auf der Straße dabei waren. Man muss entschlossen sein und nicht groß und stark.« Wieder der Verweis auf Frankreich: »Da waren es die Proteste der Schülerinnen und Schüler, die den Beginn der militanten Auseinandersetzungen in Paris darstellten. Das waren nicht organisierte Linke. Die hatten keine Kampferfahrung, haben sich aber mit der Polizei angelegt. Oder Griechenland, nachdem die Bullen den 15-jährigen Alexis Grigoropoulos erschossen haben: Die radikale Linke saß noch auf dem Plenum und diskutierte und draußen brannte schon die Stadt.«

Eine Unversöhnlichkeit also? »Eine Unversöhnlichkeit und eine Ernsthaftigkeit in der politischen Haltung und Praxis, genau. Dafür muss man mit Leuten konkret arbeiten und rausgehen aus den Szenekneipen und -vierteln, in denen ja nur Identitätspolitik gemacht wird. Man muss sich kennenlernen und aufeinander einlassen.«

Eine Woche nach dem Interview treffe ich Lotzer bei einer großen Demonstration in Berlin mit rund 70 000 Menschen gegen einen Aufmarsch der AfD. Kopfschüttelnd meint er, die erfolglosen Blockaden seien symptomatisch für die aktuelle radikale Linke in Deutschland: »Die ganzen Wurmfortsätze der autonomen Organisierung in Deutschland bringen nichts mehr, da ihnen nichts Neues mehr einfällt. Die radikale Linke in dieser Form muss verschwinden. Sie hat sich absolut überlebt.«

Wie soll es aber weitergehen? »Heiner Müller hat mal gesagt: ›Damit etwas kommt, muss etwas gehen.‹ Die radikale Linke muss mit dem Alten brechen. Hier hilft nur ein Neuanfang weiter. Bündnisse wie ›… ums Ganze‹ oder die ›Interventionistische Linke‹ können ewig weitermachen. Das ist mir ganz egal, es muss aber jenseits davon etwas entstehen. Dafür muss man Orte schaffen, an denen Menschen, die es ernst und ehrlich meinen, zusammenkommen und radikale Gesellschaftskritik, also der Antagonismus, stattfinden kann.«

Während eine kleine Gruppe Vermummter es doch noch zaghaft versucht, eine Polizeikette zu durchbrechen, und dafür massiv mit Pfefferspray eingedeckt wird, hat Lotzer sein Fahrrad schon weggeschoben. Vielleicht wird in dieser Situation eine schädliche Entfremdung innerhalb der radikalen Linken deutlich. Während die heutigen antifaschistischen Aktivist_innen sicherlich aus den Erfahrungen und Strategien Lotzers lernen könnten, müsste Lotzer auch Politiken annehmen, die er nicht als militant und weitreichend genug empfindet. Ein solcher Austausch bedürfte aber einer Kritik und Selbstkritik auf Augenhöhe.



Rezensiert von: Christopher Wimmer