RAF auf Japanisch – Internationalismus und innere Gewalt

Augustin, Nr. 461, 6. 6. – 19. 6. 2018



Ein Buch aus dem Wiener Verlag bahoe books leistet einen wichtigen Beitrag zur politischen Horizonterweiterung. Über die japanische Linke ist, obwohl sie eine der stärksten aller kapitalistischen Länder war, in unseren Breiten erstaunlich wenig bekannt. William Andrews´ Die Japanische Rote Armee Fraktion zeichnet die Militarisierung der radikalen Linken in Japan ab 1968 nach. Aus unterschiedlichen Fraktionen der großen und überdurchschnittlich militanten außerparlamentarischen Opposition entwickelte sich im Laufe der 1970er-Jahre mehrere bewaffnete Organisationen.

In enger internationalistischer Beziehung mit anderen militanten Gruppierungen und angelehnt an antikoloniale Revolutionen wie jene in Algerien und Kuba entwickelte sich die breit praktizierte Straßenmilitanz zu einer zunehmend rein militärischen Strategie – die nicht zuletzt deshalb auch tragisch scheitern musste. Flugzeugentführungen waren nebst Angriffen auf die Polizei eine Spezialität der japanischen Genoss_innen – wenn sie nicht gerade einen Treffpunkt verschliefen und so die Aktionen vermasselten. Erstaunlich ist auch die naive Offenherzigkeit der Revolutionär_innen, die oft ihre Strategien und Kampagnenpläne in öffentlichen Veranstaltungen kundtaten, um anschließend in großer Anzahl verhaftet zu werden.

Erschütternd ist die weit verbreitete Praxis der „inneren Gewalt“: Bereits in den 60er-Jahren wurden Meinungsverschiedenheiten zwischen unterschiedlichen Strömungen mitunter äußerst gealtsam ausgetragen. Das Phänomen gipfelte in einem internen Massaker der Vereinigten Roten Armee, das auch eine Zäsur für die gesamte japanische Linke darstellte. Im Zuge einer militärischen Ausbildung wurden Anfang 1972 in einer versteckten Berghütte von ursprünglich 29 Aktivist_innen 14 Opfer einer ständig eskalierenden Kampagne aus „Selbstkritik“ und Bestrafung.

Das mit einem einführenden Vorwort von Gregor Wakounig versehene Büchlein ist ein spannend zu lesender erster Überblick und hat gerade deshalb das Zeug, Lust auf mehr Beschäftigung mit den sonnen- und Schattenseiten der japanischen Linken zu machen.



Rezensiert von: Martin Birkner