Alexandre Elsig: Die Aktionsliga der Bauarbeiter. Der Anarchismus erobert die Genfer Baustellen der Zwischenkriegszeit.

Ne Znam, Nr. 7, Frühling 2018



Aus dem Ersten Weltkrieg ging der einst in der ArbeiterInnenbewegung der Westschweiz einflussreiche Anarchismus geschwächt hervor. Vor allem die Gewerkschaftsbewegung der FUOSR (fédération des unions ouvrières de la Suisse romande), die auf revolutionär-syndikalistischen und anarchistischen Ideen basierte, hatte sich aufgelöst. Die in der ganzen Schweiz stark vertretenen und anarchistisch geprägten autonomen Gewerkschaften muratori i manovale (der „Maurer und Hilfsarbeiter“), in denen sich mehrheitlich italienischsprachige Arbeiter organsierten, hatten ebenfalls durch den Krieg schwer gelitten, nicht zuletzt durch eine Bombenaffäre im Februar 1918, weswegen über hundert AnarchistInnen, meist italienischer Herkunft, das Land verlassen mussten. Der Anarchismus verschwand aber in der (West)Schweiz nicht, obwohl mit der Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS) eine weitere links von den Sozialdemokraten stehende Bewegung Einfluss auf die ArbeiterInnenbewegung zu erlangen versuchte. Vor allem dank der Genfer Gruppe um die Zeitung Le Réveil/Il Risveglio und ihrem umtriebigen Akteur Luigi Bertoni (1872-1947) war die Stimme des Anarchismus immer deutlich vernehmbar geblieben. Es waren denn auch Personen der Gruppe des Réveil/Risveglio, die 1920 in Genf eine Genossenschaft der Bauarbeiter und 1922 eine internationale autonome Gewerkschaft der Mauer und Handlanger (manœuvres et mâcons) gründeten. Die Gründung stand dem allgemeinen Trend entgegen, denn nach einem 1920 verlorenen landesweiten Arbeitskampf hatten sich viele der noch vorhandenen autonomen Gewerkschaften der neu gegründeten, sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaft des Schweizerischen Bau- und Holzarbeiterverbands (SBHV, auf Französisch Fédération des ouvriers du bois et du bâtiment, kurz FOBB) angeschlossen. Auch in Genf entstand 1922 eine Sektion des SBHV, zu der auch viele Mitglieder der autonomen Genfer Gewerkschaft gehörten. Diese Doppelmitgliedschaft führte zu heftigen Diskussionen unter den AnarchistInnen. In beiden Organisationen gehörte der Anarchist und Handlanger Lucien Tronchet (1902-1982) zu den aktivsten Mitgliedern. Tronchet, der im Herbst 1928 zum Sekretär der 1927 neu gegründeten Fédération Anarchiste Romande (FAR) gewählt wurde, war einer von jenen, die sich dafür einsetzten, dass sich die AnarchistInnen den bestehenden sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften, die sich zum Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) zusammengeschlossen hatten, anschlossen und aktiv an diesen beteiligten. Das führte dazu, dass, erstmalig in der Westschweiz, AnarchistInnen innerhalb sozialdemokratischen Strukturen aktiv wurden, etwas das in der Deutschschweiz schon länger der Fall war. Der Entschluss fiel schweren Herzens, entsprang aber einer Notwendigkeit, denn mit der immer kleiner werdenden Zahl von aktiven AnarchistInnen oder revolutionären Syndikalisten waren relevante gesellschaftliche Interventionen, wie sie einst mit der FUOSR möglich waren, kaum mehr zu realisieren. Tronchet argumentierte deshalb: „Wir müssen in aller Sachlichkeit nach den Ursachen unserer Schwäche suchen. [...] Wir werden Kraft zur Reaktion und zu Gegenmassnahmen brauchen, wenn wir nicht gleichmütig dem Verschwinden unserer Bewegung in unser Region beiwohnen wollen.“ (S.29).

Tronchet und seinen anarchistischen Mitkämpfern gelang es 1929 innerhalb des Genfer SBHV eine militante Aktionsgruppe der Bauarbeiter zu gründen (Ligue d’action du bâtiment, kurz LAB), die mit den Mitteln der Direkten Aktion für die Rechte der ArbeiterInnen, nicht nur auf den Baustellen, kämpfte. Anlass war die Umsetzung und Verteidigung eines Gesamtarbeitsvertrages (GAV), der 1928 durch einen großen Streik der ArbeiterInnen des Baugewerbes den Arbeitergebern abgetrotzt werden konnte. Der 13tägige Streik, der in einer wirtschaftlich günstigen Situation stattfand, aber gegen den Beschluss der Zürcher Gewerkschaftszentrale des SBHV erfolgte, mobilisierte über 1700 Bauarbeiter und war lokal breit abgestützt. Nach dem Erfolg schlossen sich dem Genfer SBHV 500 neue Mitglieder an, auch aus noch nicht organsierten Berufsgruppen, wie den Mosaiklegern (S.42). Tronchet, einer der Streikleiter, wurde 1929 zum Sekretär des SBHV. Die erzielten Errungenschaften des GAVs galt es nun mit den Aktionen der LAB zu verteidigen oder durchzusetzen. So wurde erkämpft, dass der Samstagnachmittag arbeitsfrei war. Um dies auch durchzusetzen, wurden Baustellenkontrollen mit der LAB durchgeführt und Baustellen gewaltsam geräumt, die sich nicht an die vertragliche Abmachung hielten. Schlägereien, Sabotageakte und abgeräumte Baugerüste waren nicht selten. „War es der Wind oder das Vibrieren der Strassenbahn?“, was Baugerüste einstürzen ließ, fragte ihre Verbandszeitung L’Ouvrier du bois et du bâtiment ironisch in einem Bericht über die Aktionen der LAB (S.56). Die LAB wurde daraufhin von den Bauunternehmen mit Prozessen eingedeckt, die sie aber alle zu ihren Gunsten entscheiden konnte. Die Erfolge führten zu kurzfristigen Gründungen von weiteren LABs in verschiedenen Städten und Städtchen der Westschweiz. Die anfänglichen Erfolge der Liga hielten aber nicht an. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise machten sich ab 1932 auch im Schweizer Baugewerbe bemerkbar. In dieser Zeit wurden die anarchistischen Aktionsweisen der Direkten Aktion innerhalb des SBHV immer mehr zugunsten von reformistischen Kompromissen zurückgedrängt. Denn gerade unter den AktivistInnen stieg die Zahl der Arbeitslosen an, so dass sich die LAB vermehrt für ihre arbeitslosen Mitglieder einsetzen musste. Die Liga unterstützte das 1931 in Genf entstandene Arbeitslosenkomitee und beteiligte sich bei Selbsthilfeaktion von arbeitslosen MieterInnen und bildete eine Art Aktionsliga der MieterInnen innerhalb des Komitees. Unter den Arbeitslosen war die Frage nach dem Erhalt von günstigem Wohnraum zentral, denn Ausweisungen von MieterInnen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten, häuften sich. Zu alledem verschärfte sich das soziale Klima mit dem Erstarken von faschistischen Gruppen in Genf und der ganzen Schweiz, den sogenannten Frontisten, denen die AnarchistInnen und Ligamitglieder teilweise handfesten Widerstand entgegensetzten. Zu diesem Antifaschismus gehörten auch die Hilfsaktionen für das revolutionäre Spanien, das zeitweise die Hoffnung keimen ließ, eine politische Wende sei nah. Doch der Zerfall der Liga als einem Instrument der anarchistischen Aktion, aber auch des Anarchismus generell, war nicht aufzuhalten. Vor allem als Tronchet, als bezahlter Funktionär im SBHV, deren Reformismus mittrug, spaltete dies die Gruppe Le Réveil erneut; wollte und konnte Bertoni doch keine Abstriche bei der reinen Lehre machen, obwohl er sich, entgegen der Behauptung in Elsigs Buch (S.25), nie von der Gewerkschaftsarbeit distanzierte. Tronchet blieb zwar ein erklärter Anarchosyndikalist, wurde aber nach dem Krieg Mitglied der SPS.

Alexandre Elsig, der diese ganze Geschichte des Genfer Anarchismus und Syndikalismus in seiner Masterarbeit erstmals ausführlichst untersucht und aufgearbeitet hat, resümiert über die Gründe des Zerfalls: „In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre verschwinden die Methoden der direkten Aktionen und die spektakulären Aktionen der Ligamitglieder schrittweise aus den Kämpfen des SBHV. Diesem Wandel liegen verschiedene Faktoren zugrunde: Auf der lokalen Ebene wird die Einheit der Gruppe Le Réveil durch die ‚reformistische‘ Wende der Genfer SBHV-Sektion unter Beteiligung von Tronchet geschwächt; auf Bundesebene wird die Repression gegen die anarchistische Strömung immer härter, während der ‚Arbeitsfrieden‘ die langsame Entwicklung der Gewerkschaftszentralen hin zu einer Politik der wirtschaftlichen Kooperation begleitet; schliesslich sind auf der internationalen Ebene die Blicke der Anarchisten zuerst mit Hoffnung, am Schluss mit Bitterkeit auf den Konflikt gerichtet, der Spanien entzweit.“ (S.145)

Elsigs Masterarbeit, die er 2009 in Freiburg i.Ü. abschloss und 2015 in einer überarbeiteten Version in Lausanne als Buch veröffentlichte (La Ligue d’action du bâtiment), liegt nun in einer deutschsprachigen Ausgabe vor. Bei dieser Ausgabe sticht sofort ins Auge, dass sie mit derselben Hingabe wie die Originalausgabe gestaltet wurde. So wurden alle Illustrationen des Originals in derselben Qualität für die Übersetzung übernommen, so dass der Text mit vielen – teils farbigen – Abbildungen, aufgelockert wird. Das Buch, das im Original nicht nur durch seine wissenschaftliche und kritische Vorgehensweise besticht, sondern auch durch seine gute Lesbarkeit, hat durch die Übersetzung von Daniel Zumbühl nichts davon verloren. Auch wenn da und dort gewisse Begriffe besser hätten übersetzt werden können, wie der mosaïstes, der mit dem Fremdwort „Mosaizist“ anstatt einfach als „Mosaikleger“ übersetzt wurde. Das Buch zeigt sehr schön das anarchistische Dilemma auf, das sich noch heute bemerkbar macht, nämlich dass die Bewegung zum eigenen Handeln zu schwach, aber die Angst, von den reformerischen Gewerkschaftskräften vereinnahmt zu werden, zu groß war und ist. Dass Elsig dabei teilweise ein zu schwarz-weißes Bild der Verhältnisse zeichnet ist dann auch einer der wenigen Punkte, mit denen sein Buch kritisiert werden kann. Denn es war nicht einfach die reformistische, sozialdemokratische, aus der Deutschschweiz gelenkte Gewerkschaft des SBHV, die den anarchistischen Bestrebungen entgegen stand. Elsig ist dies durchaus bewusst, wenn er schreibt: „Es scheint, dass die Idee, sich an den vorherrschenden gewerkschaftlichen Strukturen zu beteiligen, das Resultat eines sehr pragmatischen Kalküls bezüglich der durch den SBHV eröffneten Handlungsmöglichkeiten war. Dessen Statuten sind zu diesem Zeitpunkt genügend ‚revolutionär‘, um mit dem gewerkschaftlichen Ansatz der Aktivisten der Gruppe Le Réveil kompatibel zu sein.“ (S.29) Trotzdem zeichnet er ein zu einseitiges Bild des SBHV, obwohl in ihm, schon vor Tronchet, auch einige Funktionäre der Deutschschweiz dem revolutionären Syndikalismus und Anarchismus nahstanden. So gehörten z.B. die Zürcher Holzarbeiter, die ein wichtiger Teil des SBHV waren, zu den treusten Anhängern von Fritz Brupbacher. Brupbacher publizierte denn auch in ihrer Zeitung und gab für sie Broschüren heraus. Durch die frühzeitige Schwächung des Anarchismus in der Deutschschweiz, im Unterschied zur Westschweiz, führte dies dort viel früher dazu, dass AnarchistInnen in der Sozialdemokratie oder den sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften aktiv waren. Diese Toleranz innerhalb des SBHV gegenüber dem Anarchismus hatte also eine Vorgeschichte. Auch später waren es nicht einfach die reformistischen Kräfte, die das Anarchische im SBHV abwürgten, dazu waren die Strukturen zu wenig hierarchisch, war der SBHV doch sehr dezentral organisiert. Das erklärt auch, wieso der Genfer Streik von 1928 trotz Ablehnung der Gewerkschaftszentrale durchgeführt werden konnte, denn die Zentrale hatte schlicht keine Handhabe, den Streik zu verbieten. Auch wird gerne übersehen, dass die LAB kein singuläres Westschweizer Phänomen war. Auch in der Deutschschweiz haben die Holz-und Bauarbeiter stets eine Tradition der Direkten Aktion gepflegt und handfeste Baustellenkontrollen durchgeführt, um die Einhaltung von GAVs durchzusetzen. Dies wurde aber, im Unterschied zur Westschweiz, bis heute nie aufgearbeitet und in der offiziellen Geschichtschreibung des SBHV immer unter den Tisch gewischt oder nur zwischen den Zeilen angetönt. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass Tronchet, als er keine Arbeit mehr in Genf fand, nach Zürich wollte, weil er dort ähnlich militante Genossen und Verhältnisse vorgefunden hätte, wie in Genf. Tronchet wurde denn auch von der SBHV-Leitung überredet, doch in Genf als Funktionäre zu bleiben.(Siehe: Lucien Tronchet: Combats pour la dignité ouvrière. Genève: Editions Grounauer, 1979. S.111ff.)

Trotz dieser Einwände, das Buch ist sehr interessant, informativ und wärmstens zu empfehlen, gerade für Anarchistinnen und Anarchisten, die sich Gedanken darüber machen, wo und wie man/frau gesellschaftlich intervenieren soll und mit wem eine Zusammenarbeit Sinn macht, weil die eigene Bewegung zu klein und schwach ist.


Rezensiert von: Werner Portmann (Zürich)
Link: www.edition-av.de/ne_znam.html