Leben und Krieg am Berg der Kurden

Die Presse, 4.6.2018



Nordsyrien. Ein Buch über Politik und Geschichte Afrins und den Angriff der Türkei.

Seit Monaten hatte der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, mit dem Angriff gedroht. Dann, am 20. Jänner 2018, rückten türkische Panzer mit verbündeten syrischen Rebellen im Nordwesten Syriens ein. Sie eroberten die Region Afrin und zerschlugen die Selbstverwaltung, die dort die vorwiegend kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) eingerichtet hatte.

Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger beschreibt in seinem neuen Buch, „Kampf um den Berg der Kurden – Geschichte und Gegenwart der Region Afrin“, die Vorgeschichte und den Ablauf der Offensive. Und er beleuchtet das strategische Umfeld, erklärt, welche Rolle Russland, die USA und das syrische Regime spielen.

Doch das Buch beschäftigt sich nicht nur mit dem jüngsten Konflikt in Afrin. Nach einem kurzen Ausflug in die Frühgeschichte und Antike spannt Schmidinger einen Bogen bis in die Zeit des Osmanischen Reichs und der französischen Protektoratsherrschaft. Er schildert das Schicksal der Kurden Afrins und anderer Regionen wie der Cizîrê im neuen unabhängigen Syrien – vor allem nach der Machtübernahme der arabisch-nationalistischen Baath-Partei Anfang der 1960er-Jahre.

Unter der Herrschaft des syrischen Staatschefs Hafiz al-Assad, des Vaters Bashar al-Assads, wurde Afrin schließlich zum Rückzugsgebiet der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die einen Untergrundkrieg gegen den türkischen Staat führt. Nach der Ausweisung ihres Chefs, Abdullah Öcalan, 1998 durch Assad geriet die PKK in eine Krise. Später wurde in Syrien als neue Partei die PYD gegründet.

Schmidinger, der 2015 das schwer zugängliche Afrin besucht hat, beschreibt die Verwaltungsstrukturen, die die PYD aufgebaut hat. Er schildert zugleich die Rolle der anderen kurdischen Parteien in Syrien und ihr immer wieder gespanntes Verhältnis zur PYD. Er gibt einen exakten Überblick über Politik, Geschichte, Kultur und Religion in einer Region, die zuletzt in die internationalen Schlagzeilen geraten ist. (w. s.)



Rezensiert von: Wieland Schneider
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