Permanentes Rennen im Tränengas

Neues Deutschland, Berlin, 23. 5. 2018



Sebastian Lotzer feiert in seinem Buch »Winter is coming« die wilden Demonstrationen in Frankreich - seine Thematisierung bleibt oberflächlich.

Wenn in Frankreich eine Regierung neoliberale Reformen plant, muss sie mit wilden Demonstrationen rechnen. »Manif sauvage« ist dafür der französische Begriff. Das Buch »Winter is coming« (Der Winter kommt) widmet sich eben jenen. Es wurde von dem sich selbst als »leicht ergrauten Chronisten sozialer Bewegungen« bezeichnenden und unter Pseudonym schreibenden Autor Sebastian Lotzer herausgegeben.

Auf seinem Twitter-Account hält dieser sich selbst zugute, »niemals in die Verlegenheit zu kommen, die Machtfrage stellen zu wollen oder zu können.« Die nun von ihm in dem Buch aus französischen Internetquellen versammelten Texte sind ein Dementi dieser Aussage: Denn bei den dort aus Aktivistensicht abgehandelten Straßenkämpfen geht es gegenüber den »flics«, was der umgangssprachliche Ausdruck für Polizisten in Frankreich ist, natürlich immer auch darum, im beanspruchten Territorium wenigstens für einen explosiven Moment die Machtfrage zu stellen.

Die von Lotzer versammelten Texte sind Manifeste einer auch als »unregierbar« bezeichneten jungen Generation, die in den vergangenen Jahren in Frankreich vielfältig revoltiert hat. Etwa gegen die von der sozialistischen Hollande-Regierung geplanten Einführung neuer Arbeitsgesetze (loi travail), aber auch auch gegen rassistische Polizeigewalt und ihre zuweilen mörderische Folgen.

Dabei durchzieht diese Texte immer wieder eine explizite Hymne auf das Schlachtengetümmel: »Die flics waren in Paris massiv aufgefahren, die Schülerdemo (...) wurde von ihnen mehrmals, auch mit Tränengas angegriffen. Die Leute haben sich aber gut verteidigt, teilweise musste die Polizei ordentlich einstecken. Bei der zentralen Demo in Montparnasse kam es dann (...) zu Schlägereien mit dem Ordnungsdienst der CGT (...) Zu wagemutige Zivilbullen, die sich zu nahe an die manif sauvage trauten, mussten das Weite suchen, als Molotows in ihre Richtung flogen.«



Rezensiert von: Markus Mohr
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