Pazifismus ist kein Schicksal.

GaiDao, Nr. 89, 05/18



Alexandre Elsigs Buch Die Aktionsliga der Bauarbeiter – Der Anarchismus erobert die Genfer Baustellen der Zwischenkriegszeit.

Die Schweizer Gewerkschaft Unia kämpft seit 2014 für einen Mindestlohn in allen Branchen von 4.000,- Franken pro Monat. Das entspricht fast 4.000,- Euro. Nicht nur beim Lohnniveau ist die Schweiz weltweit führend, auch punkto Sicherheitsbestimmungen am Arbeitsplatz, Krankenversicherung und anderen sozialen Errungenschaften kann sich die restliche Welt eine Scheibe abschneiden. Doch diese vergleichsweise paradiesischen Zustände im Arbeitsrecht sind auch in der Schweiz nicht vom Himmel gefallen, sondern wurden über Jahre und Jahrzehnte erfochten. Ein besonders anschauliches und interessantes Kapitel aus dieser lokalen Geschichte des Klassenkampfes liegt nun mit Alexandre Elsigs neuem Buch aus dem Französischem übersetzt vor.

Der französischsprachige Historiker Alexandre Elsig entführt uns darin in die französischsprachige Westschweiz während der 1920er und 1930er Jahre, wo sich die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auch in der Bauwirtschaft in Genf langsam bemerkbar machten und rundherum, in Italien und Deutschland, der Faschismus seine Macht festigte.
Es ist die abwechslungsreiche Geschichte der 1920 gegründeten Bauarbeitergewerkschaft SBHV und ihres Verhältnisses zur LAB, eine von der anarchistischen Zeitung Le Réveil beeinflusste, schlagkräftige Arbeiteravantgarde, die mit Gewalt, Sabotage, Boykotten und Sachbeschädigungen arbeitsrechtliche Forderungen bzw. die ausverhandelten Ergebnisse der Gesamtarbeitsverträge (=Kollektivverträge) durchsetzen konnte.

Das Buch folgt dabei dem Leben des Genfer Anarchisten Lucien Tronchet (1902–1982), seinem Werdegang als Gewerkschafter der LAB (Aktionsliga der Bauarbeiter), seinen Aktionen und Konflikten. 1922 gründete er als Maurer die Gruppe Le Réveil, die später auch die einflussreiche Zeitung mit dem gleichen Namen herausgab.
Mit seinen treuen Genossen organisierte er die LAB und wirkte damit in die große, in der ganzen Schweiz organisierte SBHV hinein. Dieses Verhältnis, dass vielleicht mit jenem der bekannteren (und weit größeren) spanischen CNT zur FAI zu vergleichen ist, ist das Verhältnisses einer breiteren, legal organisierten Massenbewegung zu einer militanten Arbeiteravantgarde. Ein heute nahezu vergessenes Konzept, welches in der Historie des Anarchismus aber nicht nur akzeptiert war, sondern oft erfolgreich Anwendung fand. Ein Problem sind jedoch die sich dabei ergebenden Machtverhältnisse: Die LAB hatte sogar „Anführer“, welche nach Kritik an der entstehenden Hierarchie in einem Rotationsprinzip wechselten (siehe S. 76 im Buch).

Auch eine weitere Neuerscheinung desselben Verlags, Emilio Lussus „Theorie des Aufstands“ analysiert dieses Problem ausgiebig, jedoch ohne darin im spezifischen auf den anarchistischen Teil der damaligen Arbeiterbewegung einzugehen. Elsigs Buch sollte daher vielleicht als Abdeckung dieses bei Lussu bestehenden blinden Flecks gelesen werden, dessen Buch übrigens 1937 ebenfalls in der Westschweiz verfasst wurde, wo sich Lussu nach Krankheit ins Exil zurückgezogen hatte, um wieder zu Kräften zu kommen und über die revolutionäre Praxis zu reflektieren und seine Erfahrungen zu beschreiben.

Doch zurück zur LAB. Ein Spezifikum der damaligen Bewegung war ihre Mehrsprachigkeit, ohne die es wohl auch auf heutigen Baustellen keinen Meuterkübel mehr zu gewinnen gibt.
Die LAB beschränkte sich in ihrem Kampf nie auf das Blasen von Trillerpfeifen, wie wir es von den heutigen Gewerkschaften im deutschsprachigen Raum gewohnt sind. Ihre Aktionsformen waren vielfältig und umspannten: Wehrdienstverweigerung, Einbruchsdieb-stahl, Sachbeschädigung, Verbreitung subversiver Propaganda (etwa durch Plakate und Broschüren), Verstöße gegen das damalige Aufenthaltsrecht, Krawalle bei diversen Solidaritätsdemonstrationen (darunter auch die wichtigste transkontinentale Bewegung der 1920er, die Kampagne gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti), und allgemein den Antifaschismus. Dieser wurde in der Zwischenkriegszeit auch in der Westschweiz in zunehmendem Ausmaß wichtiger. Es konnte deshalb bei Versammlungen der Genfer Arbeiter auch schon einmal vorkommen, dass der Hauptprotagonist des Buches, Lucien Tronchet, mit seiner Pistole in geschlossenen Räumen herumballern musste, um sich bei allfälligen Störern Gehör zu verschaffen.

Ein besonderes Augenmerk sollte unbedingt auf eine Spezialität der LAB geworfen werden: die sogenannte „Fuchsjagd“ (S. 52). Das französische chasse aux renards ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine im revolutionären Syndikalismus verbreitete Redewendung und beschreibt das entschiedene Vorgehen gegen Streikbrecher. Tronchet war dabei der Meinung, dass Schaufelstockschläge die Argumentation mit zögerlichen Kollegen enorm beschleunigten. Auf Baustellen, wo während eines Streiks gearbeitet wurde, konnten auch schon einmal die Baugerüste umgestürzt werden. Wenn sich dabei noch Streikbrecher darauf befanden, umso besser, oder wie es Elsig beschreibt: „Die Entwicklung der Aktionsliga ist von einem ausdrücklichen Aufruf zur Gewalt oder sogar zur verschärften Anwendung des Vergeltungsrechts begleitet.“ Die Gewerkschafts-zeitungen forderten: „Für jedes ausgestochene Auge eines bewussten Arbeiters wollen wir zwei eines Streikbrechers.“ (S. 56)

Solche Positionen betreffen Kernfragen der Arbeitermilitanz, denn Gewalt gegen Streikbrecher passiert. Ob diese Gewalt jedoch akzeptiert wird und vermittelbar ist, kann entscheidenden Einfluss auf den Ausgang gewerkschaftlicher Kämpfe haben, wie ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte Großbritanniens belegt:
Am 30. November 1984 machte sich während des großen Streiks der Minenarbeiter in Wales ein Streikbrecher in einem Taxi auf den Weg zur Arbeit und damit zum Verrat an seinen Bergarbeiter-Kumpel, die durch die gefährlichen Arbeitsbedingungen in den Minen gewöhnlich ein besonders starkes Vertrauensverhältnis verbindet. Zwar wurde der Streikbrecher von einer Motorradstreife und zwei Polizeiwägen beschützt, aber es half alles nichts, denn die beiden klassenbewussten Arbeiter Dean Hancock und Russell Shankland waren sehr zornig über ihren unsolidarischen Kollegen. An jenem Morgen gingen sie auf die Fuchsjagd: Sie warfen einen Stein von einer Autobahnbrücke und trafen durch Zufall genau das Taxi. Der Wagen verunglückte schwer, der Taxifahrer kam dabei sogar ums Leben. Die beiden Arbeitergenossen wurden erwischt und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.
Tausende Kumpels sahen in dieser Aktion eine gerechte Strafe für den Streikbruch und die Kollaboration mit Maggie Thatcher. Während des folgenden Gerichtsprozesses demonstrierten sie in Solidarität mit Hancock und Shankland gegen die Klassenjustiz und sammelten Geld für deren Verteidigung. Gleichzeitig trieben die bürgerlichen Medien jedoch mittels einer Gewaltdebatte einen Keil in die öffentliche Meinung, die bis zu dem Vorfall zu einem Großteil die Streikenden unterstützte. In der Folge schrumpften die Sympathien für die Streikenden und nach mehr als einem Jahr ging der Streik verloren, die Gewerkschaften verloren dramatisch an Einfluss.
Wenn also ein Malheur wie damals 1984 in Wales erst einmal passiert ist und die Medien entsprechend hetzen, ist es zu spät die Legitimität der Anwendung von Gegengewalt zu verteidigen. Die Entwicklung eines kämpferischen Klassenbewusstseins breiter Gesellschaftsschichten könnte in ruhigeren Zeiten darin bestehen, politisch eminent wichtige Begriffe wie „Fuchsjagd“ zu erklären, in der deutschen Sprache zu popularisieren und auf theoretischer Ebene auch in ihren Konsequenzen zu rechtfertigen. Vielleicht kann so den streikfaulen deutschsprachigen Belegschaften auf die Sprünge geholfen werden, und neue Aktionsformen werden denkbar.
Auch im Kapitel „Die direkte Aktion im Alltag“ stellt Elsig Reflexionen zur Gewalt dar, die beim Stand der heutigen Bewegung unbedingte Aufmerksamkeit verdienen, wäre es doch zur Rekonstruktion eines kämpferischen Anarchismus notwendig dessen pazifistisches Image und dessen gewaltfreie Illusionen loszuwerden: ein seltsames gemellaggio welches nun bereits seit Jahrzehnten das Bild des deutschen Anarchismus prägt und für dessen ideologische Entwaffnung und die Verewigung des Gewaltmonopols des deutschen Staates sorgt.

Alexandre Elsig hat mit seinem unkomplizierten und spannend zu lesendem Buch einen ersten Schritt dazu getan. Der Autor schuf nicht nur eine wissenschaftliche Dokumentation, sondern auch ein witziges Zeitportrait, welches 2015 im Original in französischer Sprache erschien und nun dankenswerterweise auch auf Deutsch vorliegt, noch dazu in ansprechender Aufmachung als Hardcover-Band. Die vielen durch und durch lustigen, kreativen und erfolgreichen Einfälle der damaligen Aktivisten haben das Potential zu motivieren, anzustecken und bereichern die Geschichte der anarchistischen Gewerkschaftspolitik um eine lokale, militante Facette. Nachdem 2013 mit „Die Stimme der Freiheit“ ein Porträt von Luigi Bertoni, des Theoretikers des Schweizer Anarchismus, erschien, war es nun an der Zeit auch die resultierende Praxis zu beleuchten. Das ist Alexandre Elsig auf sehr anschauliche Weise gelungen. Zahlreiche farbige Abbildungen runden diesen hervorragenden Band ab und rechtfertigen den relativ hohen Preis von 24,- Euro.



Rezensiert von: Martin Bauer
Link: fda-ifa.org/gaidao-nr-89-mai-2018/