Kriegsmüdigkeit zwischen den Fronten im Ukraine-Krieg

Tiroler Tageszeitung



In der so genannten Grauen Zone zwischen den Fronten leben und arbeiten Hunderttausende Menschen. Sie sind zermürbt und kriegsmüde.

Kiew/Moskau – „Solange man den Krieg aus der Ferne beobachtet, ist die Lage eindeutig.“ Doch je näher man rückt, desto unübersichtlicher wird sie: Die Journalistin Jutta Sommerbauer hat sich den Ukraine-Krieg aus der Nähe angesehen. Gemeinsam mit dem Fotografen Florian Rainer besuchte sie Orte an der Gefechtslinie. Hier, in der so genannten Grauen Zone zwischen den Fronten, leben und arbeiten Hunderttausende.

Die rund 450 Kilometer lange Konfliktlinie trennt Nachbarn, Familien und zuweilen auch Städte. „Wer sich auf welcher Seite befindet, spiegelt nicht unbedingt die politische Verortung wider, auch nicht die Zugehörigkeit zu einer gewissen Sprach- oder gar Volksgruppe“, schreibt Sommerbauer in ihrem neuen Buch „Grauzone. Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass“, das am Freitagabend in Wien vorgestellt wurde.

Mehr als vier Jahre Krieg

Auf überzeugte Ukrainer oder Russen im Geiste treffe man im Donbass selten. Die Menschen seien erschöpft und des Krieges müde, der nun schon in sein fünftes Jahr geht und mehr als 10.000 Tote mit sich brachte. „Im Donbass glauben die wenigsten, dass es etwas gibt, für das es zu kämpfen oder gar zu sterben lohnt. Man will ihn nicht, diesen Krieg, ja man ist nicht einmal sicher, wer hier gegen wen antritt, nur eines steht fest: Komu-to eto wygodno. Irgendjemandem nutzt dieser Krieg. Wem, bleibt ungesagt.“

Die Graue Zone ist am stärksten von den Kriegshandlungen betroffen. „Hier stecken Minen im Asphalt, Wasser- und Stromleitungen werden immer wieder notdürftig repariert, die Gasversorgung ist eingestellt. Gemeindeämter sind unbesetzt und Schulen und Kindergärten oft geschlossen. Hier harren nur noch wenige aus – oft die Schwächsten, die keine anderen Optionen haben. Und diejenigen, die, mutig und lebensmüde zugleich, einfach nicht weichen wollen.“ Doch mitten in der Ausgesetztheit gebe es Alltagsroutinen: „Kinder gehen in die Schule, Frauen zur Maniküre, Bauern bestellen das Feld, Paare verlieben und entlieben sich, Pensionisten überqueren die Checkpoints und telefonieren mit ihren Verwandten auf der anderen Seite der Front.“

Leben im Stillstand

Das Leben im Zentrum des ungelösten Konflikts sei bestimmt von Improvisation, Stillstand und Ungewissheit, Angst und Melancholie, aber auch Durchhaltevermögen und verhaltener Hoffnung.

„In jedem Schlechten liegt auch etwas Gutes“, erzählt etwa die 37-jährige Lehrerin Swetlana Sawkewitsch (37), die mit ihrer Familie in Awdiiwka lebt. „Seit Krieg ist, haben wir viele Menschen kennengelernt. Man hat mich als Englischlehrerin engagiert.“ Ihre achtjährige Tochter Marijka habe Erfolg in der Musikschule. „Wir haben noch Kraft.“ Sobald sie die Tür schließe, sei der Krieg ausgesperrt. Sie sagt, sie habe sich noch nie so zu Hause gefühlt wie jetzt im Krieg.

In Awdiiwka lebt auch Santa Wolodymyr Regescha. Der Anfang 40-Jährige war früher Historiker, Kinderbuchautor und Pazifist. „Der Krieg hat seine Überzeugung auf den Kopf gestellt“, berichtet Sommerbauer. Santa und seine Männer kämpfen freiwillig an der Front. Sie gehören dem nationalistischen ukrainischen Rechten Sektor an und „fühlen sich im Stich gelassen. Sie sind gefangen in einem aussichtslosen Stellungskrieg, in dem es keine Schlachten mehr gibt, sondern nur zermürbende Schusswechsel.“ Sie dürfen nicht vorrücken, „weil es die Verräter in Kiew nicht erlauben und der Westen keine Waffen liefert“. „Gebt uns Waffen, und wir werden sie (die Separatisten) zur Hölle schicken“, sagt Santa. Und er weiß: Der Ruhm des Kämpfers endet jäh. „Man sagt, die Helden sterben nicht, aber nach fünf Tagen ist jeder vergessen.“

Volk fühlt sich betrogen

Sommerbauer beschreibt auch die zermürbende Lage an den Checkpoints, die täglich von Tausenden Menschen überquert werden. Stundenlanges Schlangestehen nehmen sie in Kauf, um auf der anderen Seite ihrer Arbeit nachzugehen oder einfach nur Waren billiger zu kaufen. Am Checkpoint Majorsk hat das UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR ein Zelt aufgestellt, in dem sich die Wartenden wärmen können. Daneben sind Plumpsklos aufgebaut, gespendet von der Europäischen Union. „Wäre Brüssel nicht, müssten die Leute ins Minenfeld kacken. Da soll noch einer behaupten, die EU ist fern vom Lebensalltag der Menschen“, schreibt die Journalistin und Moskau-Korrespondentin der Presse.

Sommerbauer beschreibt den Lebensalltag noch vieler weiterer Menschen in der Grauen Zone: Lokalpolitiker, Geistliche, Jugendliche, die ihre Partys feiern und möglichst bald wegwollen, oder Pensionisten, die nirgends hinkönnen. „Falls es ein Volk des Donbass gibt, dann dieses: Es fühlt sich betrogen, allein gelassen, ist desillusioniert und vertraut aus Prinzip niemandem mehr.“ Es sei das Volk einer Region, die niemand will: Nicht die Ukraine, nicht Russland. „Die Straßen von Donezk sind leer, schon Stunden vor Beginn der Ausgangssperre. Die meisten wollen nirgendwo dazugehören. Sie wollen ihre Ruhe haben.“



Rezensiert von: Tiroler Tageszeitung/APA
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