Ungewisse Zukunft

Vorarlberger Nachrichten



Vorarlberger Politologe Schmidinger beschäftigt sich in neuem Buch mit Afrin.

Bis zum Beginn der türkischen „Operation Olivenzweig“ am 20. Jänner 2018 blieb die Kurdenregion Afrin von der Gewalt des syrischen Bürgerkriegs verschont. Das schildert der Vorarlberger Politikwissenschaftler, Kultur- und Sozialanthropologe Thomas Schmidinger in seinem neuen Buch „Kampf um den Berg der Kurden. Geschichte und Gegenwart der Region Afrin.“ Die kurdische Behörde und die Volksverteidigungseinheiten YPG konnten die Kämpfe weitgehend fernhalten. „Dass Afrin im Vergleich zu anderen Regionen Syriens eine Insel des Friedens war, merkte man auch daran, dass Menschen aus allen Teilen Syriens hier Zuflucht suchten und fanden. Afrin wurde zu einem Syrien im Kleinen.“

Verbindung zur PKK

Mit dem Einmarsch türkischer Truppen und ihrer Verbündeten hat sich die Situation geändert. Nun steht die Region, auch als „Berg der Kurden“ bezeichnet, unter Kontrolle Ankaras. Die Türkei begründete das Vorgehen im Nachbarland mit dem Kampf gegen die „Terrororganisation“ YPG. Die Kurdenmiliz unterhält enge Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.
Schmidinger konnte sich mehrfach selbst ein Bild von der Enklave im Nordwesten Syriens machen. In seinem Buch erläutert er knapp, aber prägnant Geschichte, Religion, Bevölkerungsstruktur und viele weitere Aspekte rund um den „Berg der Kurden.“ So führt er aus, dass die Region seit dem Mittelalter, mitunter schon seit vorchristlicher Zeit, von kurdischen Stämmen geprägt war. Die Aussage Erdogans, die Region den „rechtmäßigen Besitzern“ zurückzugeben, steht dazu im Widerspruch. Denn die türkische Führung will offenbar Tausende syrische Flüchtlinge ansiedeln. Präsidentengattin Emine Erdogan sagte im Februar, eine halbe Million Syrer solle nach Afrin „zurückkehren.“ Von Rückkehr könne keine Rede sein, sagt Schmidinger. Denn die in die Türkei Geflüchteten, überwiegend Araber, stammten aus anderen Teilen Syriens. Auch habe Afrin vor dem Krieg nicht einmal 500.000 Einwohner gehabt. „Ziel der Türkei ist es nicht nur, Afrin zu erobern, sondern die kurdische Bevölkerung (…) zu vertreiben oder diese zu töten, die kurdische Kultur und Sprache in dieser Region auszulöschen und stattdessen pro-türkische und turkmenische Siedler anzusiedeln.“ Unter diesen Vorzeichen erscheint Schmidingers Buch wie ein Nachruf auf den „Berg der Kurden“, dessen Zukunft im Ungewissen liegt.



Rezensiert von: vn-ram
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