Wien sucht die Wurzeln der Revolution

orf.at | 24.11.2017



Mit Professor Marcuse Richtung Gegenwart

In Zeiten, wo Meinungen dafür und dagegen ausreichend sind, um von Politisierung zu sprechen, haben es Theorieseminare nicht leicht. Besonders dann nicht, wenn die Begriffe nach der harten Schulbank der Oberstufe riechen. „Dialektik der Befreiung“ ist so eine Losung, unter die der momentane Papst genauso schlüpfen könnte wie linksalternative Träume einer herrschaftsfreien Gesellschaft. In Wien traut man sich nun beim Festival Literatur im Herbst über die Exhumierung dieser Losung. Und hält sie quasi als Weltformel hoch, mit der man doch auch auf die Gegenwart blicken könne.

Das Binnen-I, die Utopie vom herrschaftsfreien Diskurs - überhaupt die Beseeltheit, es müsse vieles anders laufen in der Welt, in der wir leben: All das muss doch irgendwo seine Wurzeln haben.

Die einen suchen sie bei Jesus von Nazareth, die anderen erfreuen sich an den Schriften von Jean-Jacques Rousseau und verteidigen gerne in der Altherrenpose „die Leistungen der französischen Revolution“, Karl-Marx wird nicht erst im kommenden Jahr wieder Konjunktur haben, wenn er seinen 200. Geburtstag feiert. Und schließlich gab es da ja noch etwas vor 50 Jahren: die Stimulation der 68er Bewegung, hierzulande der Aufstand gegen die Väter und das Fortwirken nationalsozialistischer Eliten unter der Oberfläche einer neuen Gesellschaftsform.

Ein Aufstand gegen die Normen des Westens

Ein Kongress im Juli 1967 in London, bei dem am Ende auch spätere Beat-Poeten wie Allen Ginsberg auftraten und gegen alle Systeme in den Saal hinein dichteten (heute würde man sagen: poetry-slammten), gilt als eine der Kernveranstaltungen für den Aufstand gegen Gesellschaftsnormen und als ein Versuch, Probleme und Lösungen der Zeit zu formulieren. „The Dialectics of Liberation“ suchte in einer Londoner Remise so etwas wie eine gemeinsame Sprache für revolutionäre gesellschaftliche Forderungen. Und arbeitete sich in zwei hitzigen Wochen nicht zuletzt an Fragen von Gewalt in der Gesellschaft, Rassismus und der Militarisierung ab.

Der Kongress wollte politische Utopien konkretisieren und zeigte doch zugleich, wie schwer eine Gegenwirklichkeit mit anderen Spielregeln aufzustellen wäre. Auch damals waren schon zu viele Männer auf den Podien - und die Frage, wer damals in der Londoner Remise das Sagen hatte, blieb schließlich einer der Reibepunkte, wie man von der Theorie auch Formen der Praxis denken könne.

Und in der Mitte stand Marcuse

Die aufkeimende Black-Power-Bewegung bekam auf dieser Konferenz ebenso eine Stimme wie die um sich greifende Hippiebewegung - und mittendrin stand einer, der noch der geistige Motor der 1968er Bewegung werden sollte und dessen Denken doch tief in den Erfahrungen der Zwischenkriegszeit konturiert wurde, im Schatten berühmter Lehrer wie Edmund Husserl und Martin Heidegger. Es war der Berliner Jude Herbert Marcuse, gemeinsam mit Max Horkheimer, Theodor W. Adorno schon vor der Emigration in die USA einer der zentralen Autoren der „Zeitschrift für Sozialforschung“ und auch einer der Masterminds dessen, was sich an deutschen Universitäten als Kritische Theorie lange anhaltend in den Köpfen festsaugen sollte.

„Neue Triebbedürfnisse“

Marcuse referierte in London über die Befreiung von der Überflussgesellschaft, von der Befreiung von der Knechtschaft kapitalistisch kriegerischer Systeme, die für ihn, weil dialektisch betrachtet, in den inneren Widersprüchen im System angelegt war.

„Der kapitalistische Staat ist in sich ein Rüstungsstaat“, lautete einer der Kernsätze Marcuses. Von den Hippies wollte Marcuse lernen, dass „neue Triebbedürfnisse“ gegen die „totale Mobilisierung“, wie es an anderer Stelle heißt, der „Überflussgesellschaft“ artikuliert würden.

Proletarier und „Intellos“ würden eins

Das Proletariat von Marx, das dieser als „Klasse frei von Konkurrenzbedürfnissen“ als Träger für neue Ziele identifiziert habe, will Marcuse mit den Intellektuellen „versöhnen“ - und unschwer zu erraten ist, wer in seinem System die Kategorien „falsch“ oder „schlecht“ einteilt. Es ist der intellektuelle Priester, der mithilft bei der „Umwertung der Werte“. Dass sich der Revolutionär von 1917 in der Gestalt Lenins von beiden distanziert hatte, blendete Marcuse wie vieles andere aus: Marcuse war ein von der Psychologie beseelter Ideenpolitiker, der seinen Marxismus lieber an den Postulaten künstlerischer Avantgarde schulte denn am historisch-kritischen Materialismus.

Nicht mehr das Diktat des Mangels, sondern die Übereinstimmung von Technik und Kunst, Arbeit und Spiel, „notwendig“ und „frei“, sollte die Gesellschaft antreiben, „in der das Leben seinen Zweck in sich hat und nicht mehr ein Mittel zum Zweck ist“. „Abschaffung der Arbeit, Beendigung des Existenzkampfes“ nennt Marcuse die Losungen seiner Utopie, die im Grund von der alten avantgardistischen Attitüde, Kunst und Leben könnten wieder eine Einheit werden, angetrieben wird.

Offenbar musste in seinem System aber der Intellektuelle die Ordnung garantieren bei der Summe an Wertungsvokabeln und Begrifflichkeiten („totale Mobilisierung“, „Umwertung der Werte“), die in den 1920er und 1930er Jahren auch aus dem gegenüberliegenden politischen Spektrum hätten gekommen sein können.

Dass Marcuse oder auch Adorno für die Gegenwart Bedeutung haben, ist im wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr evident. Ihm sei mittlerweile die Pointe abhanden gekommen, rekapitulierte jüngst der bekannte Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke in seinem Buch „Hegel und wir“ seine Erinnerung an die Lektüre der Frankfurter Schule: „Die Naherwartung der Apokalypse, die damals die treibende Kraft der Lektüre gewesen sein muss, scheint sich verflüchtigt zu haben, obwohl sie heute vielleicht noch zwingendere Gründe geltend zu machen hätte als zu Zeiten des Kalten Krieges.“

Wie aktuell sind die Fragen von 1967

In Wien stellt sich ab Freitag jedenfalls die heurige Literatur im Herbst der Frage nach der Aktualität des Londoner Kongresses im Jahr 1967 - freilich mit einer Reihe anderer Player, die aber die Breite des Spektrums wissenschaftlicher, aber auch künstlerischer Diskurse zu dem Thema weiter ausreizen könnten. Der Theatermacher Milo Rau ist da ebenso dabei wie die Schriftsteller Colson Whitehead und Ilija Trojanow oder der Verleger und frühere RAF-Mann Karl-Heinz Dellwo.

Wie weit man Marcuse folgen kann, wird sich nicht zuletzt an Teilnehmerinnen wie der aus Thomas Meineckes Roman „Tomboy“ zu popkulturellen Meriten gekommenen Theoretikerin Isabell Lorey beweisen, die sich an den Marcuse- und Adorno-Überwindern geschult hat. Für die Kategorien „richtig“ und „falsch“ von Marcuse hat der wissenschaftliche Diskurs mittlerweile andere Beschreibungsinventarien im Repertoire, die deskriptiver und vielleicht auch eine Spur weniger weltverbesserlich klingen. Im Idealfall verdichten sich im Wiener Odeon Freitagnacht die Debatten des Londoner Kongresses von 1967 von zwei Wochen auf drei Tage eines Wochenendes.



Rezensiert von: Gerald Heidegger | Orf News
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