bahoe – unterschätzte Bücher aus einem unterschätzten Verlag

Augustin, Nr. 451, S. 15



Die «Gefällt mir»-Diktatur



Der Wiener bahoe-Verlag ist eine weithin unterschätzte Brutstätte weithin unterschätzter Bücher, deren Autorinnen und Autoren zu einem großen Teil anarchismusaffin sind, also zu einer weithin unterschätzten politischen Richtung neigen. Zum 50. Jahrestag von «1968» – ja, auch Anarchist_innen jubilieren zu Jubiläen – kann er mit zwei interessanten Werken aufwarten, die beide aus dem Englischen übersetzt und voller neuer Einblicke zum Verständnis der Jugend- und Studierenden-Revolte sind, die sich kontinentübergreifend in einem Maße ausbreitete, wieʼs seither nicht wiederholt werden konnte.


Das eine Buch ist Andy Merrifields Einführung in das Denken eines unkonventionellen Wegbereiters des Pariser Mai 68, Henri Lefebvre. Das andere ist William Andrewsʼ Arbeit über die japanische RAF und über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Japan zu dieser Zeit, die vielen jungen Intellektuellen die Entwicklung einer urbanen Guerilla plausibel machte. Von Japan aus flogen die US-Bomber nach Vietnam – das konnten Japans Antiimperialist_innen nicht dulden. Dieses Buch ist auch als Gegenmittel zum landläufigen Eurozentrismus der 68er-Erzählung zu werten.


Was ich aber aus der bahoe-Fabrik besonders empfehlen will, hat nichts mit der 68er-Bewegung zu tun, es sei denn, das politische Werden des Autors Renato Curcio stößt auf ebenso großes Interesse wie sein Buch «Das virutelle Reich – Die Kolonialisierung der Fantasie und die soziale Kontrolle». Curcio ist ein Intellektueller der 68er-Welle, der wie tausende andere in den Untergrund ging, nachdem er wiederholte Male Augenzeuge postfaschistischen Polizeiterrors gegen Unzufriedene wurde. Er wurde zum Mitbegründer der Roten Brigaden und saß von 1976 bis 1998 im Gefängnis, das jämmerlich an der Aufgabe scheiterte, Renato Curcio zu einem gezähmten Bereuenden zu machen. In Italien finden das viele Leute nicht besonders tragisch; in Deutschland hätte Curcio den Knast wohl nicht lebend verlassen.


In seinem Buch schreibt Curcio die Internetkonzere Google, Facebook, Apple, Microsoft, Amazon, Youtube und andere als nie dagewesene totalitäre Institutionen, deren «Gratisangebote» an die Bedingung einer Unterwerfung wie noch nie geknüpft sind. Millionen und Abermillionen Schafe machen freiwillig mit. Nur ein Beispiel: Bereits zehn «Gefällt mir» von Facebook-Nutzern sind ausrechend, um ein Persönlichkeitsprofil des jeweiligen Nutzers zu erstellen. Wenn aber statt zehn gleich 300 «Gefällt mir» ausgewertet werden, würde die Einschätzung des Users, der Userin so exakt sein, dass selbst der Ehepartner, die Ehepartnerin weit weniger über die betreffende Person weiß als die Facebook-Administration. Meine linken Bekannten ahnen es. Und verbringen mehr Zeit mit Facebook als beim Frühstück.



Rezensiert von: Robert Sommer