Begrabt mein Herz am Heinrichplatz

Konkret, Nr. 2/2018, S. 54



1. Mai 1989, Berlin-Kreuzberg, heftige Strassenschlachten zwischen schätzungsweise 1.500 Autonomen und „den Bullen“. Steine, Knüppel, Tränengas. Hier spielen sich ganz andere Szenen ab als während des G20-Gipfels in Hamburg. Straff organisierte militante Linke, vermummt und mit Motorradhelmen geschützt, behalten in der Auseinandersetzung zeitweise die Oberhand, schließen ganze Polizeieinheiten ein.


Sebastian Lotzer beschreibt solche Szenen in einer Mischung aus Fiktion und Fakten durchwegs emphatisch – das hat was in heutigen Zeiten. Auch wenn man einer Fetischisierung der Gewalt nicht folgt: Das Buch macht die gravierende Verschiebung der Debatte deutlich. Die Ereignisse beim Hamburger G20-Gipfel hätten Paul, dem fiktiven Protagonisten, und seinen Genossen und Genossinnen wegen Geringfügigkeit nur ein müdes Lächeln entlockt.


Der Autor, der unter diversen (weiteren) Pseudonymen im Netz über Revolten berichtet, beschreibt in 45 Kapiteln die Geschichte der autonomen Bewegung in West-Berlin der Achtziger und Neunziger – zwei Jahrzehnte Militanz, große Siege und Niederlagen: ob der Tod des Hausbesetzers Klaus-Jürgen Rattay 1981am Rande einer Demo, die Strassenschlachten rund um die Räumung besetzter Häuser in der Mainzer Strasse 1990 oder das Versagen der Linken während der Pogrome in Rostock-Lichtenhagen.


In seiner Geschichte von Organisierung und Kämpfen, Punks, Freaks und K-Gruppen geht Lotzer auch einfühlsam auf Ängste, Selbstzweifel, Entfremdung von den Genossen und Genossinnen, Mut und Verzweiflung, die Erfahrung von Solidarität und Repression ein. Für ihn bedeutet der Verlust der Militanz in der radikalen Linken nicht nur eine Veränderung der politischen Praxis, sondern einen Abstieg. Sein Epilog, der 2008 spielt, erinnert nicht nur an eine vergangene, sondern an eine verlorene Welt.


Bei aller Romantisierung erinnert Begrabt mein Herz am Heinrichplatz daran, dass es der militanten Linken auch darum ging, die „Monotonie des falschen Lebens aufzubrechen“. Allein dafür lohnt die Lektüre.



Rezensiert von: Christopher Wimmer