Schnitt und Widerstand

Augustin, 10.9.2017



Der Illustrator und Autor Thomas Fatzinek hat sich an die schwierige Aufgabe gemacht, den Bericht von Hermann Langbein, einem Überlebenden von Auschwitz, als Comic herauszubringen. Martin Reiterer über «Die Stärkeren».


Starke Graphic Novel


Thomas Fatzineks Comic setzt unvermittelt ein: «Da vorne liegt Frankreich.» / «Wir müssen unsere Waffen abgeben.» / «Das haben wir uns auch anders vorgestellt.» Kurz, knapp und protokollarisch sind die Sätze, die der «Illustrator und G’schichtldrucker», wie er sich selbst nennt, in seiner Graphic Novel hier verwendet. Teils sind die Sätze original von dem Bericht übernommen, um den es hier geht, größtenteils hat er sie aber auf ihre nötigste Aussage reduziert. Der spartanische Umgang mit Sprache schließt die Autorenangabe noch ein: «Fatzinek» steht da, der Vorname entfällt. Dennoch ist Platz für Anekdotisches: «Den Zaun entlang führt eine Schmalspurbahn. Der ‹Scheißexpress›.»
In dem im Linoldruckverfahren hergestellten Comic «Die Stärkeren. Ein Bericht von Hermann Langbein» müssen sich die Leser_innen daran gewöhnen, viel Schwarz zu sehen. Weiße Konturen und Flächen auf schwarzem Hintergrund lassen Zeichnungen erkennen, Figuren, Gestalten, Umrisse von Zügen und Zäunen. Sie sind schwerer zu erkennen als die Sätze, die die Panels begleiten und jeweils voneinander abgrenzen. Linolschnitte werden ähnlich wie Holzschnitte mit entsprechendem Werkzeug spiegelverkehrt in eine feste Unterlage, in diesem Fall Linoleum, geschnitzt. Bereits 2004 hatte der in Wien lebende, gebürtige Linzer Zeichner einen Linolschnitt-Comic herausgebracht: Für «Als die Nacht begann», seine Diplomarbeit an der Wiener Kunstschule über die Februarkämpfe 1934, hatte der Grafiker noch fein säuberlich nach Vorzeichnungen geschnitten. Anders bei «Die Stärkeren», wo Fatzinek, wie er im Gespräch sagte, einfach drauflosgearbeitet hatte, ohne Vorzeichnungen, ohne großartige Skizzen», nachdem er sich Notizen zu Hermann Langbeins Bericht gemacht hatte.


Täglicher Kampf


In rauen Bildern mit groben Konturen erzählt Fatzinek eine Geschichte des Überlebens, des Überleben-Wollens und Überleben-Müssens. Eine Geschichte, die Hermann Langbein aus eigenen Erfahrungen aufschrieb: «Die Stärkeren. Ein Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern» (1947/48). «Wir haben», so Langbein in seinem Bericht, «in Österreich und in Spanien nicht gegen den Faschismus gekämpft […], um jetzt willenlos unsere Ermordung zu erwarten.» Bevor der damals überzeugte Kommunist und Autor nach Auschwitz gelangte, hatte er sich bereits am Kampf gegen den austrofaschistischen Ständestaat und später als Spanienkämpfer gegen das Franco-Regime beteiligt. Seinem autobiografischen Bericht über Dachau, Auschwitz und Neuengamme sind jene Briefe vorangestellt, die er nach dem Zusammenbruch des republikanischen Widerstands gegen Franco in Frankreich verfasst hatte.
Wenn man Langbeins Texte liest, wird man feststellen, welchen Sog sie ausüben: «Die Stärkeren» liest sich wie ein Politthriller. Die obszön anmutende Verbindung zwischen Spannung und Auschwitz mag beim Lesen ein Gefühl von Schuld und Unbehagen erzeugen. Langbein allerdings beschreibt den Kampf ums Überleben in einer Fabrik des Mordens, in der die Häftlinge die täglich lauernde Gefahr des eigenen Todes in den Hintergrund drängen, um sich einen Spielraum für das eigene Handeln zu schaffen. Der damals gut 30-Jährige gehört zu den führenden Köpfen, die in Auschwitz eine Widerstandsgruppe gründen, die ­Auschwitz zwar als allerschlimmsten Staat im allerschlimmsten Staat betrachtet, in dem sich aber noch immer eine Verbesserung herbeiführen lässt, in dem sich tatsächlich das Sterben für viele hinauszögern, ja sogar verhindern lässt.
Mit seiner protokollarisch-nüchternen Umsetzung erlöst Fatzineks Version die Leser_innen von der Qual einer spannungsgeladenen Lektüre. Doch die Linolschnitte stellen auch eine ästhetische Form des Widerstands und Protests dar. «Dass es auch in diesem Wahnsinn Leute gibt, die sich organisieren!», das treibt den Zeichner an. Neben den Gräueln von Auschwitz vermerkt er die Meilensteine des Widerstands. Bereits im französischen Flüchtlingslager Gurs gründen Langbein und seine österreichischen Bekannten eine Volkshochschule. Später in Dachau heißt es: «Wir beginnen uns zu organisieren.» Und in Auschwitz: «Mit Diplomatie erreiche ich die Einstellung der Morde im Krankenrevier.» Sowie: «Wir haben Verbindungen nach draußen und nach Birkenau.» Und: «Wir wollen zu den Partisanen und mit ihnen das Lager befreien.»


Geschichten des Widerstands.


Widerstand ist der rote Faden, der Fatzineks Graphic Novels zusammenbindet: In «Als die Nacht begann» kämpft die Hauptfigur Otto zuerst gegen die Heimwehr und später in Spanien gegen den Faschismus. Auf das Thema ist Fatzinek durch ein Zeitzeugenprojekt gestoßen, als er Altenbetreuer war. In «Eine alte Geschichte. Der Fall Sacco und Vanzetti», einem Comic, den er in Schabtechnik gefertigt hat, geht es hingegen um «Helden meiner Jugend», so der Autor. Denn: «In Linz waren wir Anarchisten.» Also erzählte er von Nicolas Sacco und Bartolomeo Vanzetti, den beiden aus Italien in die USA eingewanderten anarchistischen Arbeiter_innenvertretern, die in den 1920er Jahren Opfer eines Aufsehen erregenden, politisch motivierten Justizmordes wurden.


Widerstand hat Fatzinek, Jahrgang 1965, in anderer Form auch am eigenen Leib erfahren: Bei Verlagen ist er auf Ablehnung gestoßen. Drei seiner Comics hat er im Eigenverlag herausgebracht, darunter 2009 Langbeins «Die Stärkeren» in einer Grobfassung. Schließlich beschloss er, der sich mühsam mit Hilfsarbeiter_innenjobs durchzuschlagen gelernt hatte, die Verlagssuche aufzugeben: «Ich zeichne nur noch für mich selbst!» Doch dann kam vor wenigen Jahren bahoe books auf ihn zu und nahm ihn «unter die Fittiche». 2016 erschien dort «Schwere Zeiten. Das Leben der Lili Grün». Doch während vom Titelblatt ein Porträt Lili Grüns in Schabtechnik blickt, folgen im Inneren bunt kolorierte Comics und Zeichnungen in naivem Strich. Warum er dieses Werk nicht auf Linoleum geschnitten hat? «Beim Linolschnitt gibt’s Schwarz und Weiß und nichts dazwischen.» Lili Grün aber sei «das Gegenteil vom Linolschnitt». Er wolle außerdem nicht dazu «verdammt sein, Linolschnitt-Comics zu machen».


Roter Faden.


Fatzineks Comics bleiben dennoch ineinander verwoben: So lässt der Autor Lili Grün in Erich Mühsams Theaterstück «Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti» auftreten, das sich mit dem Justizskandal in den USA befasst. Im Herbst 2017 wird «Die Schönheit der Verweigerung» in Aquarellkolorierung erscheinen. Es geht um die kommunistischen Widerstandskämpfer_innen im Salzkammergut und im Toten Gebirge. In der Geschichte, an der er aktuell zeichnet, wird es um die Ghettoaufstände in Wien und in Białystok gehen. Vielleicht hat es damit zu tun, «dass mein leiblicher Vater während des Kriegs in Litauen Räubernester ausgeräuchert hat und stolz war darauf». Dass sein Vater mit 20 Jahren KZ-Aufseher war, ist dem Sohn erst nach dessen Tod klar geworden.Verglichen mit den im Holzschnittverfahren gefertigten grafischen Romanen des frühen 20. Jahrhunderts wie jenen von Frans Masereel, Otto Nückel oder Lynd Ward erscheinen Fatzineks Arbeiten grob geschnitten. Doch darin finden sich besondere Spannungsmomente. So kippen die Schnitte immer wieder vom Konkreten ins Abstrakte. Dazu tragen auch die Detail- und Nahaufnahmen bei. Immer wieder entziehen sich die Bilder der Ansicht. Auch der Künstler sieht das Ergebnis erst nach dem Druck. Fatzinek erklärt, wie leicht einem Fehler passieren. Während er das spiegelverkehrte z in «Auschwitz» «eher störend» findet, könnte man es auch als Sinnbild der Verweigerung lesen. Zweifellos beabsichtigt und gleichsam ein symbolischer Akt der Sabotage ist Fatzineks pointierte Zurechtrückung des von den Nazis pervertierten Zitats «Arbeit macht frei», mit dem Arbeit als Zwang, als totale Ausbeutung bis in den Tod zynisch verherrlicht wird. Bei Langbeins Ankunft in Auschwitz ist das Tor mit abgeschnittener Aufschrift sichtbar. Und so heißt es da: «Arbeit macht / Auschwitz».


Martin Reiterer



Rezensiert von: Martin Reiterer
Link: www.augustin.or.at/zeitung/artistin/schnitt-und-widerstand.html