Als Anarchisten in Genf ganze Häuser abrissen. Zur Neuerscheinung über die «Aktionsliga der Bauarbeiter»

ajour - ★ - magazin für autonomen journalismus, 05.09.2017



In der Deutschschweiz der 1920er und 1930er Jahren waren die Gewerkschaften fest in sozialdemokratischer Hand. Nicht so in der Romandie. Viele der dortigen Bau- und Holzarbeiter waren vom Syndikalismus inspiriert und träumten von der Anarchie. Regen Gebrauch machten diese Proleten von Kampfmitteln wie der direkten Aktion, dem Streik oder der Sabotage – und das mit einigem Erfolg. Ein jüngst publiziertes Buch erzählt nun erstmals die aussergewöhnliche Geschichte der «Aktionsliga der Bauarbeiter» – dem militanten Arm der Westschweizer Bauarbeitergewerkschaft.


Schon vor langer Zeit ist es angekündigt worden, nun ist es endlich da. Und – so viel vorweg – das Warten hat sich gelohnt. Das Buch «Die Aktionsliga der Bauarbeiter – Der Anarchismus erobert die Genfer Baustellen der Zwischenkriegszeit» ist nicht nur optisch ein Juwel. Auch in thematischer Hinsicht hat es Seltenheitswert. Schliesslich richtete der Historiker Alexandre Elsig den Fokus auf eine politische Strömung, der die Schweizer Geschichtswissenschaft lange kaum Aufmerksamkeit schenkte. Freilich war der Anarchismus hierzulande meist eine marginale Erscheinung, dennoch hinterliess er vielerorts markante Spuren und war manchmal sogar eine wegweisende politische Kraft. So etwa im Genf der 1920er und 1930er Jahre. Es sind diese Spuren, denen Elsig ab 2009 im Rahmen einer Masterarbeit folgte. Vor zwei Jahren schliesslich goss der Autor seine akademische Schrift in eine noch leserfreundlichere Form, die mit Unterstützung des Collège du travail aus Genf in den Éditions d'en bas erschienen ist. Einer Handvoll engagierten Genoss*innen aus der Romandie und aus Zürich sowie dem Wiener Verlag bahoe books ist es zu verdanken, dass Elsigs Werk nun auch der deutschsprachigen Leser*innenschaft zugänglich ist. Diese könnte das fesselnde Geschichtsbuch nun genüsslich verschlingen, als wäre es ein Politthriller mit Lokalkolorit. Doch in Zeiten zahnloser Gewerkschaften und politischer Orientierungslosigkeit mag sie es vielleicht auch als Quelle der Inspiration aufnehmen.


Streik bringt den GAV

Nach dem Schock des Ersten Weltkriegs rafften sich die versplitterten anarchistischen Aktivist*innen der Romandie allmählich zusammen und suchten nach neuen Strategien. Nach dem grossen Gemetzel und dem weitgehenden Versagen der Arbeiter*innenorganisationen sollte wieder eine klassenkämpferische Bewegung etabliert werden. Eine junge Generation von Arbeiter*innen knüpfte hierfür an die Ideen des revolutionären Syndikalismus der Vorkriegszeit an. Für die neue Offensive erwies sich die verbesserte Konjunktur ab Mitte der 1920er Jahren als fruchtbaren Boden. Und so verlangten die Genfer Bauarbeiter nach einem Mindestohn, dem freiem Samstagnachmittag sowie – als Absicherung – einen neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Im Mai des Jahres 1928 beschlossen schliesslich 700 Mitglieder der «Fédération des ouvriers du bois et du bâtiment» (FOBB) den Streik. Fast zwei Wochen rührten die Genfer Bauarbeiter keinen Finger. Eine überwältigende Solidarität aus der Bevölkerung und die Unterstützung des moderateren kantonalen Gewerkschaftsbunds gab den Streikenden Aufwind. Die Zentrale des «Schweizerischen Bau- und Holzarbeiterverbands» (SBHV), so der deutsche Name der FOBB, verweigerte dagegen von Zürich aus jede Unterstützung ihrer kämpferischen Kollegen. Trotzdem siegte die FOBB über die Unternehmer.


Der Kampf gelangt aus den Zeitungsspalten auf die Strasse

Mit dem erfolgreichen Streik nahm die Bewegung merklich an Fahrt auf. Die FOBB verzeichnete Hunderte Neueintritte; die Genfer Anarchist*innen sahen sich in ihrer Strategie bestätigt. Die Bauarbeiter unter ihnen sind mehrheitlich der FOBB beigetreten und beerdigten ihre kleine «Autonome Gewerkschaft». Diese konnte schlecht gewährleisten, «in permanentem Kontakt mit den arbeitenden Massen» zu sein. Das war nun aber das Credo der Anarchist*innen der Gruppe «Le Réveil» und dem regionalen Verbund «Fédération Anarchiste Romande» (FAR). Im Streik für den GAV spielten diese Libertären eine entscheidende Rolle. Mit ungewohnter Entschlossenheit und spektakulären Aktionen beflügelten sie den gewerkschaftlichen Kampf. Dies wiederum steigerte das Ansehen der Gruppe Réveil und deren gleichnamigen Zeitung, die Luigi Bertoni herausgab. Der international bekannte Bertoni bemerkte später, dass sich in dieser Zeit «der Kampf gegen die Unternehmer von den Zeitungsspalten auf die Strasse und auf die Baustellen» verlagerte.


Der Aufschwung widerspiegelte sich auch in der Neubesetzung des Sekretariats der Genfer FOBB. Der 28-jährige Bauhandlanger und Anarchist Lucien Tronchet löste den Kommunisten Francis Lebet ab. In Tronchet, der den GAV-Streik angeführt hatte, sahen die Arbeiter ein neuartiges Potential schlummern. Alexandre Elsig weist aber auch daraufhin, dass die kommunistische Taktik auf einige Ablehnung gestossen war. Die KP verfolgte nämlich die von Moskau erlassene Strategie, innerhalb aller Gewerkschaften kommunistische Oppositionsgruppen aufzustellen. Diese wortradikalen Fraktionen der «Revolutionären Gewerkschafts-Opposition» (RGO) waren aber letztlich bloss der verlängerte Arm einer Partei, was dem hohen Gut der Gewerkschaftsautonomie völlig zuwiderlief. Auch die Sozialdemokraten innerhalb der FOBB dürften Tronchet vorgezogen haben. Zwar war auch dieser ein Radikaler, doch gehörte er immerhin nicht zur verfeindeten Konkurrenzpartei, welche die SP als «sozialfaschistisch» bezeichnete.


Die samstägliche «Safari»

Die Bauarbeiter hatten nun also ihren GAV. Doch was nützt ein Vertrag, wenn die Bosse auf ihn pfeifen? In offener Missachtung des neuen Vertragswerks liessen unzählige Unternehmer auch am Samstagnachmittag arbeiten. Für diese Arbeiten fanden sich auch gefügige Lohnsklaven – oft aus den Reihen der christlichen Gewerkschaft. Da die Arbeiter zur Durchsetzung des GAV nicht auf eine neutrale Instanz zählen konnten, sahen sie sich gezwungen, selbst durchzugreifen. Lucien Tronchet formulierte den Sachverhalt wie folgt: «An allen Türen, an welche die FOBB geklopft hat, überall wurde ihr mit Schulterzucken, Sarkasmus, Erklärungen, man sei nicht zuständig oder mit offensichtlicher Unaufrichtigkeit geantwortet. Was sollten wir also tun? Uns zum Schweigen bringen lassen? Ist es der Menschen oder der Arbeiterorganisationen würdig, sich sang- und klanglos zum Schweigen bringen zu lassen? Obwohl das Recht auf ihrer Seite liegt?» Nein, und also bliesen die Bauarbeiter öffentlichkeitswirksam zu – wie sie es nannten - «Hetzjagden» auf «Sündenböcke», «Saboteure», «Streikbrecher» und «Verräter». In samstäglichen Kontrollrundgängen auf den Baustellen, sorgten die Arbeiter selbst für die Einhaltung ihres hart erkämpften Gesamtarbeitsvertrags. Für diesen Zweck gründete Tronchet mit engen Genossen eigens die «Ligue d'action du bâtiment» (LAB), die Aktionsliga der Bauarbeiter.


In diesem Zusammenschluss spielte die politische Einstellung der Einzelnen keine Rolle, bloss die Überzeugung zur Durchsetzung des Vertrags und die Bereitschaft zur direkten Aktion waren erforderlich. Von Beginn an hatte die LAB alle Hände voll zu tun. Schliesslich setzte sie alles daran, um die folgende Losung wahr werden zu lassen: «Jeder Arbeiter, der an einem Samstagnachmittag auf der Baustelle erwischt wird, wird als Saboteur betrachtet und entsprechend behandelt. Jegliche an einem Samstagnachmittag ausgeführte Arbeit wird zerstört.» Schon bald leisteten die Bosse Gegenwehr und liessen ihre Baustellen polizeilich beschützen. In solchen Fällen griff die LAB mitunter zur nächtlichen Sabotage, wie sie in einem Zeitungsbericht ironisch durchblicken liess: «War es der Wind oder das Vibrieren der Strassenbahn? Die sehr leichten Baugerüste der Gipser fielen samt ihrem Inhalt.» Die angegriffenen un- oder christlich organisierten Arbeiter wiederum wehrten sich teils wacker gegen die Aktionsliga. Schlägereien begleiteten oft die samstäglichen «Safaris» der LAB, die «gegen die Seuche» des Streikbruchs ein Mittel gefunden hatte – «jenes des Stahlschuhs unterhalb der Nieren». Trotz ständiger Inhaftierungen der LAB-Aktivisten zeitigten die direkten Aktionen zunehmend Erfolg. An mehreren Orten der Westschweiz entstanden neue Aktionsligen und das Bürgertum wurde immer nervöser. Da «die Situation in unserem Land [...] jener Italiens vor dem Faschismus [ähnelt]», drohte der spätere Vertraute Mussolinis, Georges Oltramare, 1931 sogar offen mit dem Bürgerkrieg: «Wir werden in den Strassen kämpfen; Schiessereien werden auf die Schlägereien folgen.»


Zwangsräumungen verhindern

Am 9. November 1932 erhielt der Faschistenführer Oltramare seine Schiesserei. Während einer antifaschistischen Demonstration in Genf eröffneten Soldaten das Feuer auf die friedliche Menge und töteten 13, verletzten 65 Personen. Doch bevor es soweit kam, weiteten die Bauarbeiter ihre Aktionsform auf andere Felder der sozialen Konflikte aus. Anfang der 1930er Jahre herrschte in Genf eine erdrückende Wohnungsnot. Zudem stieg die Arbeitslosigkeit, weshalb etliche Mieter*innen ihre erbärmlichen Zimmer nicht mehr bezahlen konnten und so vom Rausschmiss bedroht waren. Doch ein «Arbeitslosenkomitee», in dem Anarchist*innen, Kommunist*innen wie auch Sozialdemokrat*innen zusammenarbeiteten, übertrug die direkte Aktion, wie sie die LAB popularisiert hatte, auf den Häuserkampf.


Zwei Wochen nach dem mörderischen Blutbad vom 9. November erschien im Réveil der erste Aufruf zur Verhinderung einer Zwangsräumung «mit allen Mitteln». Während den entsprechenden Aktionen versammelte sich die Masse jeweils entweder vor dem zu räumenden Objekt oder direkt vor dem Betreibungsamt und hinderte dadurch die Gesetzvollstrecker an ihrer Arbeit. Gleichzeitig verursachten Anwohner*innen mit Küchengeschirr einen Höllenlärm und auf der Strasse wurde Chaos angerichtet.


«Zerstören wir die Elendsquartiere!»

Das zunehmende Elend im Proletariat fand so zwar stellenweise eine Linderung, doch die einsetzende Weltwirtschaftskrise verschlimmerte die Situation zusehends. Für die Aktivisten der LAB war dies umso mehr Grund, vorwärts zu schreiten und in einer Art Propaganda der Tat zu beweisen, dass die Arbeiter*innen nicht auf Befreiung durch die sozialistische Regierung von Léon Nicole hoffen, sondern nur durch eigenes Handeln Fortschritte erzielen konnten. Für dieses Unterfangen bot sich die miserable Wohnsituation besonders gut an. Zwar hatte die Regierung versprochen, die heruntergekommenen Elendsquartiere, die für allerlei Seuchen und Krankheiten verantwortlich gemacht wurden, abzureissen und durch Neubauten zu ersetzen. Doch nichts geschah. Die FOBB aber erhoffte sich durch die Abrissarbeiten nicht nur eine Verbesserung der allgemeinen Gesundheit, sondern auch Arbeit für ihr unbeschäftigtes Klientel, das auch die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Drei Fliegen auf einen Schlag also. Nachdem die FOBB öffentlich gedroht hatte, dass, wenn weiterhin nichts geschehe, die Arbeitslosen selbst Hand anlegen würden, liess sie in einer Dezembernacht 1935 Taten folgen: Rund ein Dutzend Aktivisten der LAB verschanzten sich – mit Abbruchwerkzeug ausgerüstet – in einer der vielen Bruchbuden. Nachdem alle Türen mit schweren Öfen verbarrikadiert waren, begann der Abbruch vom Dach her. Heranrückende Polizei musste sich vor fliegenden Ziegelsteinen in Deckung bringen. Nach Verhandlungen, die von gegenüberliegenden Häuserdächern aus geführt wurden, konnten die «Abbrucharbeiter» unter Hurra-Rufen der Bevölkerung von dannen ziehen. Verhaftungen folgten erst später.


Detailtreu und übersichtlich

Neben einer radikal freiheitlichen Propaganda sind es spektakuläre Geschichten wie diese, die sowohl die damalige Gesellschaft aufhorchen liessen, als auch die heutige Leser*innenschaft erstaunen lassen werden. Erhellend sind auch die Kapitel über die Ursprünge des Westschweizer Anarchosyndikalismus, über das Engagement von LAB-Mitgliedern im Spanischen Bürgerkrieg sowie über den Niedergang der LAB und den verbreiteten Eintritt früherer Revolutionäre in die SP und Gewerkschaftsapparate nach dem Zweiten Weltkrieg. Alexandre Elsig verstand es, mit höchster Präzision ein bislang kaum bekanntes Phänomen aus der Geschichte der Schweizer Arbeiter*innenbewegung aufzuarbeiten. Trotz der Detailtreue schweift Elsig nicht ab, sondern bleibt bei einem für ein Geschichtswerk sehr angenehmen Umfang von 160 Seiten, die mit seltenen Fotografien und zeitgenössischen Plakaten reichlich bebildert sind. Im Unwissen bleiben wir leider darüber, welche Rolle Frauen in den Kämpfen der FOBB und der LAB gespielt haben. Auch wenn die unmittelbaren Quellen dazu wohl wenig hergeben, werden auch Frauen und Genossinnen in einer bestimmten Beziehung zu den Bauarbeitern und ihren Organisationen gestanden haben. Hinsichtlich der Übersetzung stellt sich die Frage, ob es angemessen sei, für die Genfer Gewerkschaft die deutsche Abkürzung «SBHV» zu verwenden. Schliesslich dreht sich doch alles gerade um die Eigenarten des Westschweizer SBHV-Ablegers namens «FOBB», welcher sich in Herkunft und Ausrichtung teils wesentlich von den deutschsschweizerischen SBHV-Sektionen unterschied. Davon abgesehen handelt es sich bei diesem Buch schlicht um ein Meisterwerk.



Rezensiert von: P. Kellner
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