Was der Schwedenplatz heute erzählt

Die Furche, 03.08.2017



Rudi Gradnitzers lesenswerte Untersuchung „Schwedenplatz. Das Flachdach unter den Wiener Plätzen“ versammelt Informationen über vergessene, übersehene und vertuschte historische, städteplanerische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge.



Erst der Zweite Weltkrieg hat den heutigen Wiener Schwedenplatz geschaffen. Bomben und vor allem die sinnlosen Kampfhandlungen des letzten NS-Volkssturm-Aufgebots unmittelbar vor der Befreiung machten die Gegend am Donaukanal zu einem besonders radikal zerstörten Sektor, eine ganze Häuserreihe lag darnieder und wurde niht wieder aufgebaut. Davon war kaum die Rede im Rahmen der Diskussionen um die geplante Neugestaltung des Platzes, für die 2016 das Münchner Büro „realgrün“ den Zuschlag erhielt.Eine sozial-räumliche Analyse des Wiener Schwedenplatzes nennt Rudi Gradnitzer seine Untersuchung. „Schwedenplatz. Das Flachdach unter den Wiener Plätzen“ versammelt eine Vielzahl von Informationen über vergessene, übersehene oder vertuschte historische, städteplanerische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Kleine Redundanzen und mitunter etwas über die Stränge schlagende Formulierungen wiegen da gering.Eine gute Ergänzung wäre vielleicht ein genauerer Blick auf literarische Beschäftigungen mit dem zerstörten Donaukanal. Man könnte den Umgang damit als eine Art Gradmesser nehmen: Haben die Autoren hingesehen bzw. was haben sie gesehen? Heimito von Doderer etwa spielt in seinem 1951 erschienenen Wien-Roman „Die Strudlhofstiege“, dem Klassiker der 1950er-Jahre, den unzerstörten Donaukanal nahezu obsessiv ein, was der Doppelstrategie des Roman entspricht, auf die unmittelbare Vergangenheit hinzuzeigen und sie zugleich mit heilen Bildern zu überschreiben.


Sozialer Wohnbau

Rudi Gradnitzer liefert die Basis für einen neuen Blick auf die Zone am Donaukanal – weitläufig gefasst mit einem Panoramablick vom Standort Schwedenplatz aus. Am jenseitigen Donaukanal-Ufer steht mit dem Georg-Emmerling-Hof, „einem der letzten im Stile der klassischen Gemeindebauten“, ein Stück Wiener Stadtgeschichte. Bis zur Ausschaltung des Parlaments durch Engelbert Dollfuß am 4. März 1933 schuf das Rote Wien 63.934 Wohnungen, dann kam der „soziale Wohnbau zum erliegen“. Die Nationalsozialisten lösten das Problem Wohnungsnot mit Arisierungen, ungefähr 70.000 Wohnungen wurden enteignet, etwas mehr, als im Roten Wien erbaut worden waren.
1949 nahm die Gemeinde Wien den Wohnbau wieder auf, bis 1961 wurden 69.000 Wohnungen errichtet. In diesem Kontext steht der Emmerling-Hof, eröffnet 1957 und benannt nach dem Wiener Vize-Bürgermeister von 1919 bis 1934. Einer der Architekten war Leo Kammel jun. Sein Vater entwarf 1938 das sog. „Führerzimmer“ im Wiener Volkstheater – 1947 war er dann an der Wiederherstellung des Gebäudes beteiligt –, während der Sohn von 1940 bis 1944 an der TU Wien vom Kriegsgeschehen unbehelligt sein Studium absolvierte.„Die Kollaborateure des Nationalsozialismus auf hoher Ebene bebauen also den von ihnen wesentlich mitverursachten Kahlschlag nach dem Ende ihrer Herrschaft dank der Befreiung durch die Allierten neu. Die Familie Kammel profitierte somit vom Nationalsozialismus doppelt: vor 1945 durch Aufträge, Studium fernab der Front und Karriere während der Terror-Herrschaft, danach als gefragte Architekten des Wiederaufbaues, spezialisiert auf Kurheime für ehemalige Soldaten.“ So formuliert Gradnitzer und das mag etwas polemisch überzeichnet klingen, aber die Tendenz ist doch stimmig. Die NS-Ästhetik hat selbst am Baukörper des Emmerling-Hofs Spuren hinterlassen mit dem für klassische Wiener Gemeindebauten unüblichen Walmdach und den Ecktürmen.Fast alle für den Schwedenplatz prägende Architekten und Stadtplaner waren tief in die autoritären Systeme von Austrofaschismus und Nationalsozialismus verstrickt. Allen voran Roland Rainer. Er gilt als Ikone der Wiener Nachkriegsmoderne und wurde 1958 mit der Planung des Wiener U-Bahn-Netzes betraut. Erfahrung brachte er ja tatsächlich mit. Rainer hatte schon 1942 im Auftrag der Nationalsozialisten eine Studie zur Wiener Stadtentwicklung vorgelegt. „Darauf basierend veröffentlichte Roland Rainer 1957 eine Studie, die er […] bereits 1944 fertiggestellt hatte.“ Das störte die Gemeinde Wien ebenso wenig wie die Tatsache, dass Rainer schon vor 1938 illegaler Nationalsozialist war. Wien ehrte ihn 2006 mit der Benennung des Platzes bei der von ihm geplanten Stadthalle – als man eigentlich schon mitten dabei war, historisch belastete Straßenbezeichnungen zu beseitigen oder zumindest zu kontextualisieren.Ein anderes Beispiel ist Georg Lippert. Er war im Austrofaschismus mit Kirchenbauten beschäftigt, im Nationalsozialismus für die Organisation „Todt“ tätig (er errichtete etwa die Waffenfabrik in Brünn), und konnte sich im Nachkriegs-Österreich trotzdem ohne Probleme in das Stadtbild von Wien einschreiben. Am Schwedenplatz errichtete er das IBM-Gebäude, das Raiffeisenhaus und die Bundesländerversicherung. Das alte OPEC-Gebäude. Ebenfalls von Lippert erbaut, musste 2010 weichen – es hatte mit nur vier Stockwerken für aktuelle Vorstellungen von Immobilienverwertung wohl eine zu geringe Rendite. Das neue Raiffeisenhochhaus der Architekten Dieter Hayde, Ernst Maurer und Radovan Tajder wurde als energieeffizientes Vorzeigebürohaus geplant, wobei, so Gradnitzer, Bequemlichkeit für Nutzer (Lüftbarkeit, Lichteinfall) wie Anrainer (Fallwinde, Speigeleffekte, Gebäudeschatten), wie bei der aktuellen Spektakelarchitektur üblich, keine Rolle spielte.


Bauhaus und NS-Regime

Ein klassisches Gebäude der ersten Nachkriegsmoderne ist das Hotel Capricorno (Schwedenplatz 3–4), erbaut von Josef Vytiska und 1963 fertiggestellt. Vytiska studierte bei Peter Behrens, Erbauer der Tabakfabrik Linz, und errichtete unter anderem 1936 die St. Josefs-Kirche neben dem größten Wiener Gemeindebau Sandleiten – für die christlichsoziale Regierung ein symbolisches Gebäude an einem symbolischen Ort. Als Anhänger des Schuschnigg-Regimes war Vytiska den Nationalsozialisten suspekt, nach 1945 wurde er ein viel beschäftgiter Architekt des Wiederaufbaus.Der politische Blick auf Akteure in ästhetischen Kontexten und damit auf ästhetische Fragen problematisiert auch Paradigmen des Avantgarde-Diskurses. Wie aussagekräftig ist ein gesellschaftspolitisch nicht geerdeter Moderne-Begriff etwa in Bezug auf das Bauhaus, wenn einer Kooperation mit dem NS-Regime nichts entgegenstand? Und Gradnitzer listet einige der Berührungspunkte auf: Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe gestalteten 1934 die NS-Propaganda-Schau „Deutsches Volk ¥– Deutsche Arbeit“, Mies van der Rohe unterzeichnete ein Treuebekenntnis zu Hitler, der Bauhaus-Schüler Fritz Ertl aus Linz wurde Bauleiter des Vernichtungslagers Auschwitz, das Eingangstor zum KZ Buchenwald zierte ein Spruch in der Schrift des Bauhaus-Schülers Franz Ehrlich und Ernst Neufert, Lehrer am Bahaus Weimar, dann NS-Beaustragter für Normierungsfragen, wurde 1944 in Hitlers ,Gottbegnadeten Liste´ aufgenommen.
Abgesehen von Schlaglichtern auf Gebäudekomplexe und ihre Architekten liefert das Buch kritische Analysen zur U-Bahn als System, zu den Nutzungsweisen des öffentlichen Raums am Donaukanal inklusive eines Abschnitts zur Graffiti-Art. Mutationen der „Beschriftung“ im Stadtraum – bedruckte Folien und Buchstaben aus Kunststoff statt aus Stein, Metall, Glas oder Neonröhren, samt einem Abriss zur 1921 als Magristratsabteilung gegründeten GEWISTA (Gemeinde Wien Städtisches Ankündigungsunternehmen) – kommen ebenso zur Sprache wie Usancen der Stadt-Möblierung. Die Würfeluhren etwa sind mittlerweile weitgehend verschwunden und leben im Stadtbild nur noch verborgen in den als Spiegelobjekte designten U-Bahn-Würfeln fort.



Rezensiert von: Evelyne Polt-Heinzl
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