[Rezension] Arturo Benvenuti – Zeichnungen aus den NS-Konzentrationslagern

Die Bücherkrähe, 18.07.2017



„Der Mensch, du Mensch, bist fähig, so etwas zu tun; die Kultur, derer du dich rühmst, ist eine dünne Schicht, ein Kleid. Kommt ein falscher Prophet, der es dir vom Liebe reißt, bist du nackt, ein Monster, grausamer als jedes Tier.“
Primo Levi, S. 8



Gibt es nicht schon genug Bücher über den Holocaust (1), genügend Bildbände, die den Schrecken der Konzentrationslager zeigen?


Konzentrationslager zeigen?Nein. Um es mit den Worten Primo Levis 1983 zu sagen: „Bis heute fehlte ein Buch wie dieses.“ Was diesen Bildband so besonders macht, sind die Bilder. Es sind keine Fotos, es sind Zeichnungen. Zeichnungen von Häftlingen aus den unterschiedlichen Konzentrationslagern und Ghettos, die das Leben an diesen Orten und den ihnen eigenen Horror einfangen.


Manche der Bilder sind abstrakt, teilweise so sehr, dass man auch nach sehr langem Betrachten die Bedeutung nicht wirklich greifen kann. Manche Zeichnungen wiederum gehen einem sofort durch Mark und Bein, erschüttern etwas im Inneren, was Dokumentationen und Fotos auf diese Weise nicht können. Sei es „Krematorium“ von Olère David (S. 145) oder die beiden Bilder von Potrzebowski Jerzy, die erst die Selektion und dann das Warten auf die Gaskammern abbilden (S. 168/169). Bei Portraits, Kinder wie Erwachsene, fragt man sich, ob dieser Mensch einer von 6 Millionen Ermordeten wurde oder ob er überlebt hat.


Bei all den Zeichnungen muss man immer im Hinterkopf behalten, dass sie nicht nur grausame Szenen und Zustände zeigen – sie entstanden unter genau diesen Umständen. Für mich ist es fast ein Wunder, dass die Bilder noch existieren während ihre Erschaffer*innen und die Menschen darauf vielleicht nicht mal das Ende des Krieges erlebt haben. Es zeigt auch deutlich, dass Kunst auch unter grausamsten Umständen ein Weg ist, auf dem Menschen mit anderen Menschen kommunizieren.


Der Bildband erschien zuerst 1983 in Italien, und bekam dort enorme Aufmerksamkeit. Benvenutis Ansatz war, Zeichnungen von Häftlingen aller Gruppen von Verfolgten und aller Nationalitäten zu zeigen. Das war bis zum Erscheinen des Buches einmalig, denn bis dahin „waren die Zeugnisse streng nach der nationalen Herkunft eingeteilt: jeder sammelte die Zeichnungen seiner eigenen Landsleute und schloss die Werke der anderen aus.“ (S. 250) Nun aber wurden Zeichnungen als das zusammengefasst, was sie sind: Zeugnisse des Massenmordes der Nazis an unterschiedlichsten Menschengruppen, allen voran den Juden.


Primo Levi, bekannt durch seine Momoiren aus Auschwitz, Ist das ein Mensch?, schrieb das kurze, aber eindrückliche Vorwort.


Dieser Bildband bietet einen anderen Zugang, eine andere Art sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Es ist ein Weg über die Kunst von Opfern, von Menschen, die es hautnah miterlebt haben. Und dieses „hautnah“ spürt man bei jedem Bild.




(1) Ich bin mir der Debatte um den Begriff „Holocaust“ durchaus bewusst. Er wird von jüdischen Überlebenden abgelehnt, da er u.a. auch „Brandopfer“ bedeuetet. Sie bevorzug(t)en den Begriff „Shoa“, der wiederum laut Altem Testament eine Bedrohung des Volkes Israel bezeichnet. In diesem Begriff fühlen sich aber Opfer und Überlebende anderer Gruppen nicht repräsentiert, wie z.B. Homosexuelle oder Sinti und Roma. Daher bleibe ich in dieser Rezension, auch aus Mangel eines besseren Begriffs, bei der gängigsten Bezeichnung des Massenmordes der Nazis.



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