Boris Wiktorowitsch Sawinkow, Erinnerungen eines Terroristen

Wostok - Ausgabe 1/2017



Boris Sawinkow (1879 bis 1925) gehörte als Hauptorganisator der Kampforganisation der russischen Partei der Sozialrevolutionäre (SR) an, die Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Attentate auf Repräsentanten des autokratischen zaristischen Regimes verübte.


1904 bereitete Sawinkow einen Anschlag auf den unbeliebten russischen Innenminister Wjatscheslaw von Plehwe vor, den eine präparierte Bombe ebenso tötete wie 1905 den Großfürsten Sergej Romanow, den Onkel des Zaren. Die Vorbereitungen zu diesen Anschlägen bilden den Höhepunkt der anschaulichen, detailreich protokollarisch angefertigten Erinnerungen des Berufsterroristen, die in den Kopf eines „Terroristen aus Leidenschaft" (Jörg Baberowski) schauen und somit erschreckende Aktualität erfahren.


Sawinkow, der seine Erfahrungen literarisch bereits im fiktiven Tagebuch „Das fahle Pferd“ (russisch: 1908, deutsche Neuübersetzung: 2015) als stilisiertes historisches Dokument festhielt, konnte seiner Hinrichtung 1906 entkommen, floh aus Odessa nach Paris und kehrte im April 1917 nach Rußland zurück, wo er zeitweise Stellvertretender Kriegsminister in der Regierung Kerenskis war. Nach der Oktoberrevolution gehörte er zu den entschlossensten Verfechtern für die Befreiung Rußlands vom Bolschewismus, wurde aber vom sowjetischen Geheimdienst GPU gefaßt und kam 1925 auf ungeklärte Weise in der berüchtigten Moskauer Geheimdienstzentrale Lubjanka um.


Sawinkows Memoirenband entstand kurz vor dem Ersten Weltkrieg im französischen Exil und wurde 1929 in einer von Arkadi Maslow gekürzten Version ins Deutsche übersetzt. Auf dieser beschnittenen deutschsprachigen Erstfassung beruht die vorliegende Ausgabe, die auch von Sawinkows Verhaftung und Flucht sowie vom Verrat des Terroristen Jewno Asef berichtet, der als Spitzel seine Komplizen der zaristischen Geheimpolizei auslieferte. 1985 erschien in der „Anderen Bibliothek“ bei Greno erstmals eine vollständige deutsche Edition mit Bemerkungen von Magnus Enzensberger. Diese aufwendige Edition hätte man sich in einer Neuauflage gewünscht.


Nichtsdestotrotz: der Wiener „bahoe books“-Verlag setzt es sich in der Reihe „Hundert Jahre Russische Revolution“ zum Ziel, 2017 „neue, vergessene, undogmati- sche und spannende Geschichte(n) und Biographien zu präsentieren, immer mit einem Ziel, einer Richtung: die Möglichkeiten der revolutionären Befreiung als treibende Kraft der Geschichte wieder ins Bewusstsein zu bringen.“ Der vorliegende Band wird dem gerecht und ist für wenig Geld erhältlich.



Rezensiert von: Wolfgang Schriek
Link: www.wostok.de