Invasion des Privaten

Jungen Welt - Feuilleton | Seite 11, 03.07.2017



Wenn einen der Staat zu sehr liebt – und fertigmacht: Ein Buch zur Geschichte britischer Undercoverpolizisten in linken Gruppen wird heute in Hamburg vorgestellt



Passend zum G-20-Gipfel: Lesung von Rob Evans, heute 19 Uhr, Centro Sociale, Sternstr. 2, Ecke Neuer Kamp, Hamburg


Im Oktober 2010 enthüllte die Internetplattform indymedia einen Undercoveragenten in der britischen Umweltschutzbewegung. Der langjährige Aktivist Mark Stone war in Wirklichkeit der Polizist Mark Kennedy. Das war herausgekommen, als seine Geliebte in seiner Tasche einen Pass auf diesen Namen gefunden hatte. Arbeiten so professionelle Agenten? Andererseits: Gehen sie Liebesbeziehungen ein?


Kennedy alias Stone bekam dann Besuch von der Geliebten und anderen Leuten aus der Bewegung. Nach einer mehrstündigen Diskussion erwies er sich als geständig. Daraufhin wurde der Guardian informiert, und man konnte die ganze Sache in der Zeitung lesen. In der Folge wurde bekannt, das Kennedy/Stone auch in Berlin in der anarchistischen Szene aktiv gewesen war, sich an Straftaten beteiligt hatte und sexuelle Beziehungen zu weiteren Aktivistinnen eingegangen war.


Die beiden Guardian-Autoren Rob Evans und Paul Lewis haben diese Geschehnisse zum Anlass genommen, eine »Geschichte der britischen Geheimpolizei« zu veröffentlichen, die nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Und siehe da, spätestens seit der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre ist es die gängige Praxis der britischen Polizei, als politisch »subversiv« oder »extremistisch« eingestufte Gruppen zu infiltrieren.


Evans und Lewis schildern beispielhaft die langwierigen Einsätze von neun Undercoverpolizisten, die auch fotografisch erfasst wurden. Von besonderer politischer Bedeutung ist dabei der Fall von Robert »Bob« Lambert. Als akademisch profilierter Vorsitzender einer Dialoggruppe zwischen Verbänden von Muslimen und der Londoner Metropolitan Police schrieb er bis in den Herbst 2011 regelmäßig für den Guardian Beiträge zu Fragen der »inneren Sicherheit«, wobei er meist für liberale statt für repressive Ansätze warb. Durch die Recherchen nach der Enttarnung von Stone/Kennedy kamen Evans und Lewis darauf, dass Lambert als eine Art Vordenker für die Praxis von Undercovereinsätzen der Polizei angesehen werden kann.


Lambert war auf diesem Feld auch selbst aktiv. In den frühen 1980er Jahren benutzte er für seine Fake-Vita den Namen eines toten Kindes und ging auch ähnlich wie Stone/Kennedy eine Liebesbeziehung mit einer Aktivistin ein, um in der Szene besser verankert zu sein. Aus dieser Beziehung ging ein gemeinsames Kind hervor. Lambert agierte in einer Gruppe militanter Tierschützer, von denen zwei Mitglieder dann auch wegen Brandanschlägen auf Kaufhäuser verurteilt wurden. Ende der 1980er Jahre beendete er seinen Einsatz, ließ Mutter und Kind sitzen und verschwand spurlos. Erst 24 Jahre später entdeckte ihn seine einstige Geliebte zufällig auf einem Zeitungsfoto, auf dem er als respektierter Akademiker einen öffentlichen Vortrag hält. Lambert hatte zwischenzeitlich in der geheimen Polizeieinheit SDS (Special Demonstration Squad) Karriere gemacht und viele weitere Undercoveragenten auf ihre Einsätze vorbereitet. Das Eingehen intimer Beziehungen mit den Menschen, die sie bespitzeln und manipulieren sollen, war für die Polizisten anscheinend obligatorisch: »Von den zehn verdeckten Ermittlern, die bisher identifiziert werden konnten, hatten neun mit ihren Zielpersonen Sex. Die meisten entwickelten bedeutsame Beziehungen mit dem anderen Geschlecht«, schreiben Evans und Lewis. Elf Frauen fühlten sich missbraucht und strengten Prozesse gegen die Metropolitan Police an: »Mein Leben wurde zum Gegenstand einer staatlichen Invasion«, wird eine von ihnen zitiert.


Der Philosoph Augustinus von Hippo soll einst gesagt haben: »Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande?«



Rezensiert von: Markus Mohr
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