Aufgeblättert

ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis - Ausgabe Nr. 617, 21.06.2016



Schwedischer Bahö


Der Wiener Verlag bahoe books (Bahö ist Wienerisch für Tumult, Wirbel, Aufsehen) hat in den letzten Jahren einige linksradikale Schmankerl neu aufgelegt, von Louise Michels »Aneignung« bis zu Nanni Balestrinis »Carbonia«. Mit Zaschia Bouzarris Buch präsentiert er eine kurze und spannende Analyse der Aufstände in den schwedischen Vorstädten, die zwischen 2009 und 2013 das Land erschütterten. Die Autorin zeichnet zunächst präzise die Veränderung der Zusammensetzung der schwedischen Arbeiterklasse, das Ende des Wohlfahrtsstaates sowie die Rolle der Migration(spolitik) dabei nach. Geschult an den Theorien der französischen Gruppe Théorie Communiste führt dies mitunter zu einer etwas kategorischen Herangehensweise an gesellschaftliche Prozesse, dennoch gerät der Text nie in Gefahr, dogmatisch zu werden. Die Autorin weist die weit verbreitete Kritik an den Riots als »unpolitisch« mit Recht zurück. Vielmehr versucht sie aus der Dialektik zwischen organisierten Aktivist_innen - etwa der Gruppierungen Megafonen oder Pantrarna - und den spontanen Ausschreitungen mögliche Auswege aus dem rassistischen Kapitalismus aufzuzeigen. Eric Hobsbawm schrieb einst über den Aktivismus der frühkapitalistischen Maschinenstürmer_innen, dass es sich dabei um frühe Formen von »Kollektivvertragsverhandlungen mittels Ausschreitungen« handelte. Diese Tradition greift Zaschia Bouzarri in ihrem Text wieder auf und aktualisiert sie für eine Zeit nach der Arbeiterbewegung. Gut so!



Rezensiert von: Martin Birkner
Link: www.akweb.de/ak_s/ak617/14.htm