Strategie der Spannung

Antifaschistisches Info Blatt - AIB 110 / 1.2016, 04.07.2016



Mit dem Auffliegen des NSU ist auch der deutsche Rechtsterrorismus vor 1990 wieder in die Erinnerung zurückgekehrt. Seit den 1990er Jahren verbinden wir mit rechter Gewalt vor allem rassistischen Straßenterror, weniger jedoch konspirativ organisierte Bombenanschläge, die wahllos auch die „eigene Bevölkerung“ treffen können. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen zum Oktoberfestatten­tat erneut aufgenommen. Dieser Bombenanschlag im Vorfeld der Bundestagswahl 1980 gilt als deutsches Pendant zur italienischen „Strategie der Spannung“ (strategia della tensione). Diese wurde in den späten 1960er über die 1970er Jahre bis 1980 in Italien zur Diskreditierung der stärker werdenden Linken von rechten Kreisen aus den Sicherheitsapparaten mit Hilfe von Faschisten und Mafiosis verfolgt. Parlamentarisch wurde die Kommunistische Partei Italiens regierungsfähig, während auf der Straße und in den Fabriken die außerparlamentarische linke Bewegung eine Stärke entfalten konnte, von der heute nur geträumt werden kann. Bei Bombenanschlägen sollten möglichst viele Menschen getroffen werden, um so ein Klima der Unsicherheit zu schaffen. Entweder sollten die Taten direkt militanten Linken bzw. Anarchisten in die Schuhe geschoben oder die Menschen eingeschüchtert werden vor den unabsehbaren Folgen eines Erstarkens der Linken. So sollte der Ruf nach einem starken Staat mit samt seiner Sicherheitsbehörden gefördert werden.


Es zündelten also diejenigen, die sich danach als Feuerwehrleute zum Löschen des Brandes anboten. Mittlerweile gibt es zumindest zum italienischen Teil der „Strategie der Spannung“ recht viel Literatur, genauso zu den Verwicklungen von Rechts­terroristen und ihres Umfelds zu Geheimdiensten. Langjährige LeserInnen des Antifaschistischen Infoblatts werden sich sicher an den einen oder anderen Artikel erinnern können. Wenig findet sich aber dazu, was damals radikale Linke hierzu veröffentlichten. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass in der letzten Zeit zwei ganz unterschiedliche Agitationsmaterialien aus den 1970er Jahren wieder herausgekramt wurden und nun in deutscher Sprache zugänglich sind. Beide beschäftigen sich mit dem 12. Dezember 1969. Das Datum gilt als Auftakt der „Strategie der Spannung“. An diesem Tag explodierte in einer Mailänder Bank eine Bombe, die 17 Menschen in den Tod riss und 80 weitere Personen verletzte. Als Täter wurde von der Polizei schnell der Anarchist Giuseppe Pinelli präsentiert, der während seines Aufenthalts im Polizeipräsidium aus dem Fenster stürzte und dabei starb. Die Graphic Novel aus dem Jahr 1975 mit dem Titel „Die Strategie der Spannung. Ein Bündel Bomben“ von Alfredo Castelli, Mario Gomboli und Milo Manara wurde in einer Auflage von 600.000 Stück in ganz Italien in Umlauf gebracht. Sie sollte auf einfache und verständliche Weise über die Hintergründe und Methodik des ersten Anschlags am 12. Dezember 1969 in Mailand aufklären. Erzählt wird die Geschichte des Journalisten Moretti, der im Vorfeld von dem Attentat erfährt und versucht, dieses mit Hilfe eines Polizeinspektors zu verhindern. Beide bekommen dabei Knüppel zwischen die Beine geworfen, so dass die Bombe explodiert. Pier Paolo Pasolinis Film „12 Dicembre“ aus dem Jahr 1972 zeichnet hingegen ein weiteres Panorama und bildet die gesellschaftlichen Kämpfe des damaligen Italiens ab. Italiens bekanntester Filmemacher hat diese Dokumentation gemeinsam mit der linksradikalen Gruppe „Lotta Continua“ erstellt. Im ersten Teil wird sich direkt dem Bombenanschlag an der Piazza Fontana gewidmet und eine filmische Verteidigung des im Polizeigewahrsam verstorbenen Anarchisten Pinelli aufgeführt. Im weiteren Verlauf ist der Film eine Anklage der italienischen Verhältnisse dieser Zeit. Der Film war lange verschollen und fehlt deshalb auch in vielen Werklisten über Pasolini. Dem Laika-Verlag ist es zu verdanken, dass er nach einer Restauration und deutschen Untertitelung nun wieder zu sehen ist.



Rezensiert von: FK
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