Die Kybernetik, die Junta und ein Lied

Neues Deutschland, 29. 8. 2020



»leb wohl neruda / leb wohl poet / eh noch der kondor / an ketten geht / reißt er sich das Bein / mit den Ketten raus / schwingt sich in den Himmel / und blutet aus« heißt es in dem von Kurt Demmler getexteten und Thomas Schoppe komponierten Lied, das im Herbst 1973 als Single der Gruppe Renft erschien. Noch im Sommer des Jahres waren chilenische Musiker wie Inti-Illimani auf den Weltfestspielen der Jugend in Berlin zu Gast, herrschte Optimismus angesichts des demokratischen Aufbruchs in Südamerika. Am 11. September bombardierte das Militär die Moneda, der gewählte Präsident Salvador Allende kam ums Leben.

Carlos Reyes zeigt »Die Jahre von Al- lende« als Bildgeschichte; eine in Lateinamerika seit jeher populäre Art der Wissensvermittlung. Der Korrespondent John Nitsch wird Ende August 1970 in das Land geschickt, in dem die USA ein »zweites Kuba« verhindern wollen. Trotz massiver geheimdienstlicher Intervention gewinnen die linken Kräfte, allen voran die sozialistische Unidad Popular am 4. September die Wahl und bestimmen in einer breiten Koalition Salvador Allende zu ihrem Präsidenten. John freundet sich mit dem brummigen Taxifahrer Marcelo an, dem die Kommunisten zu radikal und eigentlich alle Politiker egal sind, da sich an der Lage der Armen sowieso nichts ändern wird. Es brodelt im Land, die Ober- und Mittelschicht fürchtet um ihren Wohlstand, während Arbeiter und Bauern große Hoffnungen in die Verstaatlichung der Kupfer- und Salpeterminen und eine Bodenreform setzen. Die Regierung Allende steht unter großem Druck, von rechts wie von links. Manchen kommunistischen Gruppen ist Allende zu zaghaft, sie wollen die große Revolution. Die Rechte will mit Attentaten und »Streiks« das Land destabilisieren. Nitsch gerät zwischen die konfusen Fronten und muss das Land schließlich verlassen. Nach 41 Jahren gibt es schließlich kein Happy End, aber ein Wiedersehen. Reyes’ detailreiche, überbordende Story ist multiperspektivisch und trotz Romanze gänzlich unromantisch erzählt. Die Zeichnungen von Rodrigo Elgueta vermitteln eine zweite und dritte Ebene; es lohnt sich durchaus, genauer auf die Bilder zu schauen und zurückzublättern. Fazit: Ein gelungenes Buch mit einem ausführlichen Glossar.



Rezensiert von: Mario Pschera
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