Flexibel, nicht lernfähig

Bodo, 1. 9. 2020



Der linke Kulturjournalist, Filmkritiker und Gesellschaftstheoretiker Georg Seeßlen hat ein Buch zur Corona-Krise geschrieben. Seeßlens eigensinnige Texte über Pop und Zombies, über Hollywood und das politische Berlin haben nie das geringste Interesse, sich an Oberflächen abzuarbeiten – so auch hier: Statt journalistischer Nacherzählung legt Seeßlen eine düstere Analyse der Tiefenstruktur der Krise vor.

Er analysiert die Phasen der Krise von der medizinischen Rationalisierung (als wir alle Virologen wurden, um Leben zu retten) über Sozialisierung (vom Gerede über systemrelevante Jobs bis zum neuen Sozialdarwinismus) und Ökonomisierung (die Wirtschaft erst neben und dann über Gesundheit stellte) bis zur Politisierung, die die „Verhinderung eines Game-Change-Impulses“ über alles stellte.

Die egoistische Rebellion der Corona-Leugner ist dabei nur ein Symptom, so wie der Konflikt zwischen Souverän (Grenzen zu!) und Wirtschaft (Grenzen auf!) ein vordergründiger bleibt. Für Seeßlen verwirklicht die Krisenbewältigung durch Zeitgewinn das neoliberale Projekt des Überflüssigmachens von Gesellschaft als Akteur. „Die Krise vernichtet genau jene Kräfte in den Gesellschaften, die Lehren aus ihr ziehen und sie ,verstehen‘ lassen können.“



Rezensiert von: Bastian Pütter
Link: bodoev.org/2020/09/01/das-strassenmagazin-im-september/