Mythos, hell wie eh und je

Culturmag-Blog, 11. 8. 2020



Man sollte eigentlich auch José Buenaventura Durruti (1896–1936) kennen, die mythische Gestalt des Anarchosyndikalismus. Nach einer beachtlichen Karriere als militanter Gewerkschafter, Revolutionär, Bankräuber, Attentäter und Praktiker des Anarchosyndikalismus kommandierte er im Spanischen Bürgerkrieg die „Kolonne Durruti“, als er im November 1936 während der Belagerung von Madrid durch die Faschisten erschossen wurde. Von wem, das ist bis heute ungeklärt. Von den Faschisten, von den Kommunisten innerhalb der republikanischen Truppen (nichts war den Stalinisten so verhasst wie die Anarchisten), von den eigenen Leuten? Auch der biographische Roman Durruti. Die neue Welt in unserem Herzen von Francisco Álvarez bietet keine neue Lösung an oder legt sich gar fest.

Der Roman stützt sich im Wesentlichen auf Abel Paz‘ große Durruti-Biographie („Durruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten“), zerlegt aber Durrutis Leben in einzelne Episoden, die von einer Rahmenhandlung zusammengehalten werden: Eine französische Journalistin, die einen biographischen Bezug zu Durruti hat, versucht, seine Todesumstände genauer zu rekonstruieren und trifft auf Zeitzeugen, die ihrerseits ihre eigene Agenda haben. Vor allem gelingt es Álvarez, komische und absurde Szenen einzubauen, die nicht etwa den Mythos Durruti beschädigen – der leuchtet auch hier hell wie eh und je – , sondern machen sich über den Umgang der spanischen Regierungen noch weit vor dem Bürgerkrieg lustig, mit der immer stärker werdenden Arbeiterbewegung fertig zu werden. Das gibt dem Roman eine schon fast heitere Wendung, bei aller Wut und Trauer über die Vergeblichkeit eines gesellschaftspolitischen Gegenentwurfs zu den Mainstream-Ideologien der Zeit. Und natürlich ist in den Roman auch der ewige Diskurs über legitime und illegitime Gewalt eingeschrieben – Durruti war kein Pazifist und tanzte zu oft auf der Trennlinie zwischen Sozialbanditentum (nach Eric Hobsbawm) und Revolution. Anyway, den Namen Buenaventura Durruti in gesichtsvergessenen Zeiten im Gespräch zu halten, ist nicht die schlechteste Idee. Sein Leben als politischen Abenteuerroman zu erzählen, mitsamt allen prekären Dialektiken, auch nicht. Weniger schön sind die Unmengen von Druckfehlern und die, milde gesagt, oft arg ungelenke Übersetzung.



Rezensiert von: Thomas Wörtche
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