Comic-Besprechung

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1951 veröffentlichte der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno die These, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Neben der generellen Fragwürdigkeit von Lyrik nach der Massenvernichtung durch die Nazis, wollte er damit auch zum Ausdruck bringen, dass Kunst/Literatur über den Holocaust für ihn undenkbar ist. Die Worte Adornos treffen im besonderen Maße auf die 9. Kunst zu. Nun hat uns Art Spiegelmann mit seinem „Maus“ deutlich vor Augen geführt, dass es wohl möglich ist die Schrecken der rassistischen Ideologie in Comicform darzustellen. Meiner Meinung nach müssen sich die folgenden Werke, die sich ernsthaft mit dieser Thematik auseinandersetzen an Spiegelmanns Arbeit messen lassen – auch „Überleben in Dach“ von Gautier.

Gautier liefert uns keine Geschichte seines Lebens. Er schildert uns nicht seine Eindrücke, er stellt die Fakten dar. Er lässt den Leser dadurch umso mehr am Schrecken der Zeit teilhaben. Seine Erlebnisse finden nicht in wörtlicher Rede statt, Sprechblasen sind Mangelware. Stattdessen erhalten wir einen detaillierten, bebilderten Bericht über die Arbeit der Widerstandsgruppen in Frankreich, wie deportiert wurde, wie man am Leben bleiben konnte, wer zu wem hielt und welche Seiten ein solches System in den Menschen hervorbringt.

Ein düsteres Zeugnis. Selten gibt es hier Lichtblicke. Aber dennoch gibt es sie und auch sie werden von Gautier benannt. Der deutsche Arbeiter, der den KZ-Insassen, die in seinem Betrieb arbeiten, Marmeladenbrote zusteckt oder zwei Freunde, die sich aus den Augen verloren haben und nach langer Zeit wieder treffen.
Der Band „Überleben in Dachau“ ist ergreifend und allen Unkenrufen zum Trotz würde ich ihn bedenkenlos in jeden Geschichtsunterricht ab der 7. Klasse als Empfehlung aussprechen. Gerade deshalb, weil in so manchen Kreisen so oft über das ständige wiederholen der immer gleichen Geschichte gejammert wird. Gautier legt schonungslos offen, warum das auch immer und immer wieder notwendig ist, denn Wissen darf niemals verloren gehen. Und das eben gelingt Gautier, indem er emotionslos, wie jemand der eigentlich nicht betroffen ist, von seinem Leben berichtet. Er bringt damit die ganze Willkür auf den Punkt. Die Brutalität der Kapos und der SS-Wachmannschaften.

Unmittelbar vor dem Band habe ich zu Wolfgang Koeppen „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ gelesen. Auch ein Bericht. Thematisch passend. Adornos These, dass es Barbarei wäre, nach Ausschwitz noch zu dichten, kann ich nach diesen beiden Büchern nicht unterschreiben. Im Gegenteil: Wir brauchen viel mehr solcher Bände.

Fazit:

„Überleben in Dachau“ ist der Bericht eines Überlebenden der NS-Mordmaschinerie. Ergreifend und dabei ohne Pathos. Vor allem der jüngeren Generation an die Hand zu geben.



Rezensiert von: Bernd Hinrichs
Link: www.splashcomics.de/php/rezensionen/rezension/27986