Zur richtigen Zeit

Junge Welt, 15. 7. 2020



Den militanten Antifaschismus zu thematisieren und popularisieren, ist Teil der aktuellen Auseinandersetzung. Posaunte doch US-Präsident Donald Trump vor kurzem herum, dass er »die Antifa« verbieten will – die in der BRD zuvor schon auch dem Bundestag als linksradikale Gefahr galt. Insofern erscheint der vorliegende Band genau zur richtigen Zeit. Gord Hills »Antifa. Hundert Jahre Widerstand« kommt dabei ohne die das Genre kennzeichnenden Sprechblasen aus und ist eher ein illustriertes Geschichtsbuch. Für sein nunmehr drittes Comicbuch verwendet Hill meist historische Fotos und Plakate als Vorlagen für seine Zeichnungen. Das verleiht dem Ganzen Authentizität – und dürfte hier und da einigen älteren Aktiven der Antifa ein Lächeln abgewinnen, wenn sie ihre Aktionen oder gar sich selbst in den Panels wiederfinden.

Qualitativ auf hohem Niveau, vierfarbig, im DIN-A4-Format und mit festem Einband, ist der Antifacomic von Hill in deutscher Übersetzung erschienen. Der seit 1990 politisch aktive Autor ist kanadischer Staatsbürger und indigener Aktivist der Kwakwaka’wakw-Nation. Er betreibt unter anderem die Internetseite »Warrior Publications« und arbeitet auch unter dem Pseudonym Zig Zag. Zu seinen Kunstwerken gehören Grafiken, T-Shirts, Gemälde, Schnitzereien und Comics. Die Arbeiten von Hill sind Kunst aus dem Widerstand. Es ist ihm gelungen, 100 Jahre Geschichte auf 113 Seiten darzustellen. Obgleich durch die zwangsläufigen Verkürzungen viele Inhalte verlorengehen und die Darstellungen nicht frei von Fehlern und Widersprüchen sind.

So ist die anarchistische Orientierung des Autors bereits auf der Titelseite unübersehbar durch eine schwarze Fahne markiert. Demgegenüber beruht seine geschichtliche Darstellung in Teilen auf einer überholten Sichtweise. Der Januaraufstand 1919 in Berlin heißt bei Hill »Spartakusaufstand«, bei dem 1.200 Spartakisten ihr Leben verloren hätten. Tatsächlich waren es insgesamt 120 Tote, die meisten Linken waren USPD-Mitglieder oder Unorganisierte.

Solche Fehler und unkorrekte Beschreibungen finden sich leider zuhauf. Inhaltlich führt dies manchmal zu Schräglagen. Im Teil ab 1945, der die Hälfte des Bandes ausmacht, sind die Beschreibungen bis auf wenige Ausrutscher präziser. Etwa heißt es im Kapitel zur BRD: »Nach dem Abzug der Alliierten 1949 wurden einige neue faschistische Parteien gegründet.«

Vor allem die internationale Darstellung des antifaschistischen Widerstandes, der oft mitsamt seiner historischen Entwicklung in den betreffenden Ländern abgehandelt ist und bis ins Jahr 2018 reicht, gehört zu den Stärken dieses Comics. Wenngleich auch hier einiges verkürzt erscheint. Wie zum Beispiel beim Kapitel »Der NATO-Putsch in der Ukraine«, in dem das Wirken faschistischer Gruppen beschrieben wird, hingegen antifaschistische Gruppen keine Erwähnung finden.

Dass die Antifa in den USA und vor allem in Kanada in dem Band eine große Rolle spielt, ist logisch. Frankreich aber lediglich auf zwei mageren Seiten abzuhandeln, damit übergeht Hill die große Bedeutung, die das Land für den internationalen Antifaschismus hatte. In Frankreich entstand 1934 die Volksfront und in einer mehrtägigen Straßenschlacht vor den Regierungsgebäuden in Paris wurden die Faschisten gestoppt.

Dabei scheut sich der Comic nicht vor inhaltlichen Statements. Gleich auf der ersten Seite wird der Faschismus in acht Punkten definiert. Richtig stimmig gelingt das nicht, es handelt sich eher um eine Charakterisierung der Naziherrschaft. Auf Seite zwei folgt dann alter Wein in neuen Schläuchen. Unter einem Kapitalisten mit Zylinder, der erschrocken von der Revolution in Russland liest, steht: »In diesem Kontext entstand der Faschismus als politisch militärische Kraft, die eingesetzt wurde, um revolutionäre Bewegungen anzugreifen und damit die Macht von Staat und Kapital auch in Krisenzeiten zu sichern.«

Das erinnert an John Heartfields 1932er Fotomontage »Der Sinn des Hitlergrußes«, auf der ein riesiger Kapitalist aus dem Hintergrund Adolf Hitler ein Bündel Geldscheine zusteckt. Nicht ganz falsch, sicher, doch mit Recht ist diese simple Erklärung Ausgangspunkt anhaltender Debatten. Die Existenz heutiger rechtsradikaler Entwicklungen bzw. Regime lassen sich so jedenfalls nur unzureichend erklären. Faschismus ist eben nicht einfach eine Verschwörung des Kapitals, und Nazis sind nicht die willenlosen Marionetten der Industriebosse. Es existieren unterschiedliche Fraktionen, quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Ein Comic ist aber keine wissenschaftliche Abhandlung. Seine inhaltlichen Mängel stellen das Gesamtwerk nicht in Frage. Gord Hills Band ist ein lohnender, künstlerischer Beitrag zur Antifabewegung und eine gute Einführung in das Thema.



Rezensiert von: Bernd Langer
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