Gescheiterte Symbolfigur

Tagesspiegel, 25. 5. 2020



Vor 50 Jahren wurde Allende zum chilenischen Präsidenten gewählt.

Auch in Chile gibt es nun Proteste gegen die Corona-Maßnahmen des Staates. Die Pandemie hat die ohnehin herrschende politische, gesellschaftliche und ökonomische Krise weiter verstärkt, weil die extrem privatisierten Gesundheits- und sozialen Sicherungssysteme die Bevölkerung besonders anfällig machen. Bei Demonstrationen für das nun verschobene Verfassungsreferendum haben viele Bürger ihr Augenlicht durch Gummigeschosse der Polizei verloren. In dieser Situation der Hoffnungslosigkeit erscheint im Bahoe-Verlag ein Comic, der eine symbolträchtige Hoffnungsphase der chilenischen Geschichte zum Thema hat. Eben „Die Jahre von Allende“, die Zeit zwischen der Wahl des sozialistischen Politikers Salvador Allende zum Präsidenten im September 1970 und dem von der CIA unterstützten Militärputsch am 11. September 1973, angeführt vom späteren Diktator General Augusto Pinochet. Warum regt Allende bis heute die Fantasie vieler progressiver Chilenen an und woran ist er gescheitert? Die meisten Maßnahmen des von ihm angeführten Parteienbündnisses können im weitesten Sinne als sozialdemokratisch bezeichnet werden. Aber es war wohl zwangsläufig, dass insbesondere die entschädigungslose Verstaatlichung der Rohstoffvorkommen den Unmut der USA auf sich ziehen würden. Auch der Hass der Rechtsextremen und der reaktionären reichen Familien war wohl unvermeidlich, weil Allende versuchte, ihre Machtposition zu schwächen. Unternehmerstreiks, Boykotte und Versorgungsengpässe waren die Folge. Hinzu kam die revolutionäre, teils gewalttätige Ungeduld vieler Linker, denen der stets die demokratischen Verfahren und den Rechtsprozess achtende Allende zu zahm war. Am Ende wurde Allende zwischen links und rechts zerrieben. Die fiktive, aber plausible Rahmenhandlung rund um einen amerikanischen Journalisten in „Die Jahre von Allende“ trägt nur teilweise und der Comic kann angesichts der Komplexität der chilenischen Tragödie – einer seit der Kolonialzeit zutiefst ungerechten Gesellschaft, deren Elite die eigene Machtposition, Neoliberalismus und Ungleichheit institutionell und kulturell perfekt abgesichert hat – nur ein Einstieg sein. Doch zum Glück ist die reale Geschichte selbst spannend genug und vor dem Hintergrund der deutschen Erfahrung mit „Weimarer Verhältnissen“ auch ein Lehrstück.



Rezensiert von: Thomas Greven