Meister der Momente

Die Welt, 25. 4. 2020



Wie der Fotograf Henri Cartier-Bresson das Kriegsende in Deutschland dokumentierte.

Wie erzählt man vom Ausnahmezustand? Die Frage betrifft nicht nur literarische Verfahren, sondern auch das Medium der Erzählung an sich: Text, Bild, Bewegtbild? Fotografie oder gar Malerei? Kein Fotograf der Welt hat solche Fragen programmatischer gestellt und ästhetischer beantwortet als Henri Cartier-Bresson (1908 bis 2004). Der Franzose, der auch malte und filmte sowie Mitbegründer der renommierten Fotoagentur Magnum war, wollte Situationen im entscheidenden Augenblick festhalten. Die Suche nach dem „instant décisif“ hat ihn zu einer Meisterschaft geführt, die Fotografiegeschichte geschrieben hat.

Vergleichsweise wenig bekannt ist, dass sich der Viel- und Weltreisende Cartier-Bresson zum Kriegsende 1945 in Deutschland aufhielt. Zuvor war er im Film- und Fotografiedienst der französischen Armee gewesen, bestellt, um der massiven NS-Propaganda etwas entgegenzusetzen. Im Blitzkrieg 1940 war er verhaftet worden und drei Jahre lang in deutscher Kriegsgefangenschaft. 1943 gelang ihm die Flucht, 1945 bekam er den Auftrag, an der Seite der Alliierten die Befreiung Deutschlands zu dokumentieren.

Ähnlich wie Robert Capa seine berühmten „War is over“-Aufnahmen in Leipzig machte, hielt sich auch Cartier-Bresson im Mai 1945 an entscheidender Stelle auf. Im zerstörten Dessau, an den Ufern von Elbe und Mulde, steuerten Sowjets und Amerikaner die Flüchtlingsströme. Millionen Menschen waren durch das befreite Deutschland unterwegs. Ex-Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, KZ-Überlebende, Displaced Persons aller Art: Verschleppte Russen, Polen und Balten wollten gen Osten. Franzosen und Hunderttausende Belgier, Holländer, Italiener zogen aus den von der Sowjetarmee befreiten Gebieten Richtung Westen und Süden. Und alle mussten bei Dessau über die El- be, über die es nach dem Krieg nur noch wenige Behelfsbrücken überhaupt gab. Ex-Stalag-Häftling Cartier-Bresson fotografiert ein Setting, das er drei Jahre

selbst durchlebt hatte. Im Chaos der Durchgangsla- ger versuchen auch Nazi-Schergen in Zivil und Nazi- Spitzel unterzutauchen. Bisweilen werden sie ent- tarnt wie die Denunziantin, die zur Identitätsfeststel- lung am Tisch des Lagerleiters steht und im gleichen Moment von einer Französin aus der Menschenmasse enttarnt wird: „Ich erkenne diese Frau! Sie ist Belgie- rin, Informantin der Gestapo.“ Den Alliierten kommt in dieser Stunde das historische Verdienst zu, Recht vor Rache zu organisieren.

Bahoe Books, ein Wiener Verlag, der sich mit sei- nen dokumentarischen Graphic Novels zu Themen- feldern wie Schoah, Krieg und Zeitzeugenschaft kon- tinuierlich um die europäische Gedächtniskultur ver- dient macht, hat ein Werk der französischen Comic- künstler Jean-David Morvan und Séverine Tréfouël (Skript) und Sylvain Savoia (Zeichnungen) herausge- bracht, das Cartier-Bressons Jahre in der Kriegsge- fangenschaft und seine Teilnahme an der Befreiung Deutschlands eindrücklich schildert. Grafisch und fo- tografisch. Der Reiz der Graphic Novel, die auf Deutsch um ein Dossier des Fotohistorikers Thomas Tode ergänzt wurde, resultiert aus der Möglichkeit, zwischen Zeichnungen und Fotografien abzuglei- chen. Die Art und Weise, wie der Comic sich die gra- fische Anverwandlung von Cartier-Bressons Fotogra- fie-Stil auf die Fahnen geschrieben hat, ist beachtlich. Henri Cartier-Bresson hatte schon ein comicartiges Heldenleben, es birgt Reisen und abenteuerliche Fluchtversuche und sogar Nicknames; zeitweilig wandelt er als Bébé Cadum („Babyface“) durch die Panels. Das Buch ist für alle geeignet, die mit Cartier- Bressons Werk noch wenig vertraut sind und einen der faszinierendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts kennenlernen wollen.



Rezensiert von: Marc Reichwein
Link: www.welt.de/kultur/literarischewelt/article207372897/Ikonisch-Henri-Cartier-Bresson-in-Deutschland-1945.html