In acht Jahren um die Welt

Augustin, Nr. 504, 22. 4. 2020



Eine Comicbiografie erzählt das abenteuerliche Leben der Journalistin und Schriftstellerin Alma M. Karlin, einer «Altösterreicherin» aus Slowenien.

Es ist Nacht. Es schneit. Eine Frau verlässt den Bahnhof, sie trägt ihr Gepäck, darunter eine unförmige Reiseschreibmaschine, allein durch verschneite Straßen, erreicht ein Haus, betritt eine Wohnung. Alma Karlin kommt nach jahrelangen Reisen zurück nach Celje und tritt ihre betagte Mutter. Beide brechen in schallendes Gelächter aus: «Es war das erste und letzte Mal, dass Mutter und ich gemeinsam lachten», kommentiert die Journalistin und Schriftstellerin die Wiederbegegnung mit ihrer Mutter. Diese Szenen stellen Marijan Pušavec und Jakob Klemenčič als Prolog ihrer Comicbiografie Alma M. Karlin. Weltbürgerin aus der Provinz voran. Und diese Bilder und das Zitat weisen bereits auf einige Themen, die in Karlins Biografie eine Rolle spielen: Einsamkeit, Mühsal, ein schwieriges Verhältnis zur Mutter, die sie mitunter «Geberin meiner Tage» nennt.

Celje-Kenner_innen kommt eines der Bilder der Prolog-Sequenz wahrscheinlich bekannt vor: Jakob Klemenčič nahm für seine Zeichnung das lebensgroße Karlin-Denkmal zur Vorlage, das seit 2010 auf dem Celjer Krekplatz steht. Wer aber war diese zierliche Frau, die in der Zwischenkriegszeit die erfolgreichste Reiseschriftstellerin des deutschen Sprachraums war und die nach vielen Jahren des Vergessens zumindest in ihrem Herkunftsland Slowenien wieder zu Ehren kommt?

Elf Sprachen. Alma M. Karlin kommt 1885 in Cilli/Celje zur Welt. Der Vater hatte sich einen Buben gewünscht, diesem Umstand verdankt Alma ihren zweiten Vornamen Maximiliana, ein Sohn wäre Maximilian getauft worden.

Alma ist wissbegierig und vor allem an Fremdsprachen interessiert. Sie nimmt Privatunterricht in Englisch und legt die Staatsprüfungen in Englisch und Französisch ab. 1908 geht sie nach London, sie übersetzt, macht Büroarbeit, unterrichtet Sprachen und lernt selbst eifrig weitere Sprachen, schließlich wird sie elf europäische und außereuropäische Fremdsprachen beherrschen.

In London trifft sie auf wohlwollende Personen, die sie unterstützen oder ihr Jobs vermitteln. Sie lernt Menschen aus aller Welt kennen. Wie später auf ihrer Weltreise macht Karlin aber auch sehr negative Erfahrungen, Einsamkeit, Depression, materielle Entbehrungen und immer wieder sexuelle Übergriffe ihrer männlichen Zeitgenossen. Kein Wunder, dass Alma Karlin eine gewisse Misanthropie entwickelt und von ihren Mitmenschen oft als «verdammte Zweibeiner» spricht.

Liebe zum Schreiben. Während des Ersten Weltkriegs entdeckt Alma Karlin ihre Liebe zum Schreiben. Sie be- schließt, Schreiben und Reisen zu verbinden – «Ich wollte ein Kipling meiner Heimat werden» – und plant eine dreijährige Weltreise. Im Dezember 1919 tritt sie diese an, acht Jahre lang ist sie u. a. in Lateinamerika, im pazifischen Raum, Australien, Japan und Indien unterwegs. In dieser Zeit entstehen zahl- reiche Artikel, sie hält erste Vorträge, der finanzielle Ertrag dieser Tätigkeiten ist wechselhaft. Erst nach ihrer Rückkehr stellen sich Erfolg und Ruhm ein, insbesondere nach der Veröffentlichung von Einsame Weltreise in zwei Bänden im Jahr 1928. In den folgenden Jahrzehnten publiziert Alma unzählige Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften, mehr als ein dutzend Bücher (Reisebeschreibungen und Romane), hält Lesungen und Vorträge im gesamten deutschen Sprachraum und Großbritannien. 1941werden die Bücher der dezidierten Nazi-Gegnerin verboten. Alma Karlin lehnt andererseits aber auch ab, propagandistisch für die Partisan_innen tätig zu werden und steht dem Kommunismus ablehnend gegenüber. Als Angehörige der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe, die auf Deutsch schrieb, mag sie im sozialistischen System als suspekt gegolten haben. Das trug dazu bei, dass Alma Karlin und ihre Arbeit nach ihrem Tod 1950 in Vergessenheit gerieten.

Wiederentdeckt. In den 1990er-Jahren wurde Alma Karlin in Slowenien wiederentdeckt, nach und nach werden ihre Schriften übersetzt und neu aufgelegt. Ein Dokumentarfilm, ein Theaterstück und ein biografischer Roman von Mi-lan Dekleva (auf Deutsch im Drava Verlag erschienen) setzen sich mit Almas Leben auseinander. Die Comicbiografie von Marijan Pušavec und Jakob Klemenčič kam 2015 bei Stripburger, der international renommierten slowenischen Plattform alternativer Comics, heraus. Der Autor, Redakteur und Comicszenarist Marijan Pušavec, einer der profundesten Kenner von Karlins Oeuvre, verfasste das Skript des Bandes. In schwarzweißen, detailreichen Bildern zeichnete Jakob Klemenčič die Lebensgeschichte einer faszinierenden Frau, die die Welt in ihren schönen und hässlichen Seiten erlebte und sie ebenso ungeschönt beschrieb.

Rezensiert von: Jenny Legenstein
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