Leicht lesbar und lebhaft.

Badische Zeitung, 17. 4. 2020



Fotograf Henri Cartier-Bresson beerdigt im Mai 1940 seine Kamera. Um sie vor den vorrückenden Deutschen in Sicherheit zu bringen, vergräbt er die Leica in einem Dorf in den Vogesen. Dreimal wird Cartier-Bresson während der nächsten vier Jahre aus der Kriegsgefangenschaft fliehen.

Die Biografie erlebt im Comic eine Blüte. Aktuelle Beispiele sind (…) „Cartier-Bresson, Deutschland 1945“. Wobei: Das Buch beschränkt sich weitgehend auf die Kriegsjahre von Cartier-Bresson, dem Mitgründer der berühmten Magnum-Fotoagentur. Marie Curie, Sophie Scholl, Andy Warhol, Frank Kafka, Richard Feynman, Johnny Cash, Fidel Castro... Viele Biografien liegen mittlerweile auch als Comics vor. Die brauchen bekanntlich weniger Text als Bücher. Während Literaturadaptionen darunter meist leiden, gewinnen Comic-Biografien: Leicht lesbar und lebhaft vermitteln sie biografische Angaben, ohne im Quellenstudium zu erstarren. Parallel erzählt die Grafik. Sie macht Menschen und Orte zu konkreten Bildern. Geschrieben bleiben Namen oft Schall und Rauch.

(…)

In „Cartier-Bresson, Deutschland 1945“ behandelt ein Nachwort sein Leben vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es präsentiert auch Fotografien, mehrheitlich solche, die 1945 in einem Durchgangslager in Dessau entstanden sind – wie die berühmte „Entdeckung einer Kollaborateurin“. Zuvor berichtet die Biografie unaufgeregt, wie Cartier-Bresson mit großem Glück seine Kriegseinsätze und Gefangenschaften übersteht.

Die Sprechblasen halten sich angenehm zurück. Ihre direkte Rede verführt in schlechten Comicbiografien zu pseudoauthentischem Fabulieren. Nur der Ursprung von Aussagen bleibt oft ungenannt, wie bei Cartier-Bressons geflügeltem Wort: „Das Foto ist ein unmittelbarer Akt, die Zeichnung eine Meditation.“ Seine Comicbiografie ist formell runder, (...) die schwarzweiße, aus der Ich-Perspektive erzählte Biografie, stellt den Menschen vor seine Kunst. Doch so erzeugt sie Nähe und milde Emotionalität.



Rezensiert von: Jürgen Schickinger