»Die Revolution ist ein Gesamtkunstwerk«

Kreuzer 3/2020, Logbuch



Interview über Dimitris Koufontinas´ im Gefängnis verfasste »Geschichte der griechischen Stadtguerilla«.

Dreizehnmal lebenslänglich ist eine lange Zeit. Dimitris Koufontinas hat die ersten zehn Jahre davon abgesessen, als er an seiner Autobiografie arbeitet, die auch eine Geschichte der Stadtguerilla in Athen ist und eine Geschichte Griechenlands seit dem 17. November 1973. Nach Jahrzehnten des bewaffneten Widerstands mit zahlreichen Anschlägen tauchte Koufontinas 2002 aus dem Untergrund auf, um sich der Polizei zu stellen. Wir sprachen mit den Verantwortlichen von Bahoe Books über den belesenen Terroristen mit der Dynamit-Allergie, der auch Nachhilfelehrer und Bienzüchter war.

:logbuch: Wie sind Sie als Wiener Verlag zu Griechenland und zu Dimitris Koufontinas gekommen?

BAHOE BOOKS: Die Analyse von verschiedenen Konflikten, die unsere Gesellschaft und unsere Welt prägen, ist ein verbindendes Element all unserer Veröffentlichungen. Die großartige politische Diskussionskultur und der intellektuelle Esprit im Süden von Europa haben uns schon seit langem beeinflusst, ob in Spanien, Italien oder eben Griechenland. Dort erinnert sich die Bevölkerung jährlich am 17. November an die Befreiung von der faschistischen Obristendiktatur, die mit einem großen Aufstand am Polytechnikum in Athen im Jahre 1973 ihren Anfang nahm. Überall gibt es Gedenkveranstaltungen, Demonstrationen, Kränze werden abgelegt. In seiner Bedeutung ist es vielleicht mit dem 1. Mai in Deutschland vergleichbar. Wir wollten immer schon mehr über diesen mythenumwobenen 17. November wissen und so sprang uns eines Tages Dimitris Koufontinas’ Buch in einer kleinen Buchhandlung in Kreta ins Auge.

:logbuch: Wir lesen in Ihrem Nachwort, dass das 2014 in Griechenland erschienene Buch dort 100.000 Mal verkauft wurde. Warum wollten Sie es auch auf Deutsch veröffentlichen?

BAHOE: Griechenland, seine Finanzkrisen und die verzweifelten Proteste gegen das Spardiktat der sogenannten Troika haben über Jahre die Nachrichten in ganz Europa dominiert. Heute ist dieser latente Konflikt von der Bildfläche verschwunden, deshalb ist es jetzt vielleicht möglich, sich sachlicher und tiefer mit diesem Land zu beschäftigen. Die Stationen von Koufontinas’ Leben sind eine extrem spannende und kurzweilige Form, sich mit der jüngsten Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. Er sitzt jetzt seit 17 Jahren im Gefängnis und ist wirklich weltbekannt in Griechenland. Seine im Gefängnis verfasste Autobiographie ist nicht nur eine Geschichte der bewaffneten politischen Gruppe »Revolutionäre Organisation 17. November« (17N), sondern eine gut lesbare Übersicht über die Geschichte Griechenlands seit dem Zweiten Weltkrieg insgesamt. Dort kam es nach der Befreiung 1944 zu einem mehrjährigen Bürgerkrieg, der mit einem Sieg der von den Engländern unterstützten griechischen Konservativen und Faschisten über die Arbeiterbewegung und die Partisanengruppen endete. Die militante Linke, die sich sehr stark auf die Tradition der Partisanen bezieht, hat sich mit dieser Niederlage nie abfinden wollen. 17N trug mit ihren zahlreichen politischen Attentaten und Anschlägen über fast drei Jahrzehnte zu dieser Kontinuität sehr stark bei.

:logbuch: Koufontinas schreibt, dass er Gewalt immer abgelehnt habe – war aber jahrzehntelang Protagonist der bewaffneten Stadtguerilla in Athen, Mitglied des 17N im Untergrund und an zahlreichen Bombenanschlägen beteiligt. Wie passt das zusammen?

BAHOE: Er beschreibt, wie er sich als junger Student in der wilden Zeit der Transformation von der Diktatur zur Demokratie in den siebziger Jahren politisch sozialisierte. Einerseits gab es da die realen Erfahrungen mit einer gewalttätigen Polizei auf der Straße und andererseits den moralischen Zwiespalt: Wie kann man eine zukünftige Gesellschaft schaffen, in der niemand über das Leben eines Anderen bestimmt, und mit diesem hehren Ziel vor Augen in der Gegenwart Angriffe auf die Feinde dieser utopischen Gesellschaft wagen? Mit diesem tragischen Widerspruch konfrontiert kommt er zu folgendem Schluss: »Die Linke ist prinzipiell gegen Gewalt. Trotzdem ist sie gezwungen, Gewalt anzuwenden, damit es eines Tages eine gewaltfreie Gesellschaft geben kann.« Koufontinas setzte sich dem damaligen Zeitgeist entsprechend mit Lenin, Castro und Mao auseinander. Außerdem vernahm er auch die Worte des meistzitierten Menschen weltweit, Karl Marx, wonach »die Gewalt der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft« sei, »die mit einer neuen schwanger« gehe.

:logbuch: Er beruft sich auch auf Homer und Menelaos, Nikas Kazantzakis und Balzac. Spanisch lernt er mit »Hundert Jahre Einsamkeit« und sein »illegales Selbst« nennt er Antonis, nach dem Mauthausen-Roman von Iakovos Kambanellis, der in diesem KZ im heutigen Oberösterreich inhaftiert war. Der 17N hat immer wieder Manifeste und andere Texte herausgegeben – ist diese Affinität fürs Geschriebene etwas, das Sie überrascht hat?

BAHOE: Ja. Die langen inhaltlichen Begründungen für die Anschläge des 17N wurden von 1975 bis ins Jahr 2000 regelmäßig in griechischen Tageszeitungen abgedruckt und breit diskutiert. Diese Form von öffentlicher Debatte hat uns überrascht, genauso wie die enorme Zustimmung der griechischen Bevölkerung zu den Aktionen des 17N.

Das Buch selbst hat Dimitris Koufontinas unter sehr schwierigen Umständen im Gefängnis Korydallos in Athen verfasst. Sein Zugang zu Informationsquellen, zu Büchern, geschweige denn zu einem Archiv, ist extrem eingeschränkt. So musste er sein ganzes Leben, all die Abzweigungen, die Abenteuer, die theoretischen Debatten aus seiner eigenen Erinnerung rekonstruieren. Und trotzdem ist ihm nicht nur ein spannendes Porträt seiner eigenen Gruppe gelungen, sondern eine literarische Reflexion des politischen Kampfes in Griechenland insgesamt.

Selbst seine engste Familie, seine Frau, sein Sohn, können ihn im Normalvollzug nur einmal im Monat besuchen. Während seiner langen Hafterfahrung wurde er immer wieder über längere Zeiträume isoliert, grundsätzliche Rechte wurden ihm abgesprochen. Gegen diese Schikanen konnte er sich durch mehrere Hungerstreiks und mittels großer Unterstützung von Außen zur Wehr setzen. Nicht zuletzt geht es also auch darum, den von der Welt isolierten Gefangenen einen literarischen Ausdruck zu ermöglichen. Koufontinas ist wahrscheinlich der prominenteste politische Häftling in Griechenland, es gibt aber noch Dutzende weitere Gefangene der verschiedenen revolutionären Strömungen, denen man in Zeiten, in denen die ökologischen und sozialen Grenzen des Wachstums immer offensichtlicher werden, zuhören sollte.

:logbuch: Ganz schnell noch eine letzte Frage: Was ist er denn, der richtige Weg zur Revolution?

BAHOE: Die Revolution ist ein Gesamtkunstwerk, welches aus vielen einzelnen, kleinen Puzzlestücken zusammengesetzt werden muss. Manche Teile fügen sich nicht zusammen, weil sie einfach zu verschieden sind, dann muss man den richtigen Platz für sie erst finden, um das gesamte Bild möglich zu machen. Es macht keinen Sinn, alle Teile gleich machen zu wollen, um damit organisierter, disziplinierter oder korrekter zu werden. Wir werden das Recht auf Differenz immer verteidigen.



Rezensiert von: Benjamin Heine
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