Vehikel der Erinnerung

Analyse&Kritik, Nr. 658, 17. 3. 2020



Christian Dürr verknüpft in seinem Roman »Die Befreiung oder Marcelos Ende« die Geschichte von Shoah-Überlebenden mit der von Opfern der lateinamerikanischen Diktaturen.


Am Ende streift der Protagonist durch Buenos Aires. Es regnet. Er beobachtet, »wie seine eigenen Schritte Spuren auf der nassen Asphaltoberfläche hinterließen. Doch sie hatten keinen Bestand.« Tatsächlich wirft die Geschichte von Manuel Gluckstein die Frage auf, was beständig ist, was bewahrt und was dem Verschwinden anheimfallen sollte. Gluckstein ist der Sohn jüdischer Eltern, die die Shoah überlebt und in Argentinien versucht haben, ein neues Leben anzufangen. Dem Vater gelingt das einigermaßen, obwohl er »nie etwas vergessen hat«, wie Manuel einmal betont. Die Mutter hingegen erholt sich vom Trauma der Vernichtungslager nicht.
Manuel Gluckstein selbst, 1947 in einem österreichischen Lager für Displaced Persons nahe Linz geboren, studiert Anfang der 1970er Jahre in Argentinien und engagiert sich in linken Gruppen. Am 24. März 1976 putschen die Militärs. Eine jahrelange Diktatur nimmt ihren Anfang, der bis 1983 um die 30.000 Menschen zum Opfer fallen: Studierende, Gewerkschafter*innen, Linke oder solche, die dafür gehalten und als »Subversive « eingestuft werden, geraten in die Fänge des Militärs. So auch Manuel. In Folterzentren mitten in der Stadt werden sie gequält und verhört, viele von ihnen später »weggebracht«. Dass es die »Erholungszentren « im Süden des Landes, wo all die Verschwundenen angeblich interniert wurden, nie gab, muss auch Manuel sich erst von einem ehemaligen Genossen sagen lassen. Er wollte es nicht wahrhaben, hoffte er doch, seine Freundin Ana sei nur dorthin verschwunden. Und nicht ins Meer geworfen worden wie so viele andere.
Christian Dürr verknüpft in seinem Debütroman »Die Befreiung oder Marcelos Ende« die Geschichte von Shoah-Überlebenden mit der von Opfern der lateinamerikanischen Diktaturen der 1970er Jahre. Es ist die überhaupt nicht unwahrscheinliche Geschichte einer Familie – eine Geschichte, die zeigt, dass die systematischen Schrecken des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reichen.
Das Buch vergleicht nicht oder rechnet auf, es schildert vielmehr. Einmal vielleicht ist es das zynische Lächeln eines normalen Antisemiten in einem österreichischen Wirtshaus, das viele Jahre später an die Mimik eines der argentinischen Folterer erinnert.

Ein Leben »danach«

Solche Assoziationen benutzt Dürr, um nachvollziehbar zu machen, dass Manuel erst spät bewusst wird, was seine Eltern durchgemacht haben. Der antisemitische Wirt tritt in Rechnitz auf, einer Gemeinde an der österreich-ungarischen Grenze. Dorthin hatte sein Vater ihn einst mitgenommen. Dort waren, ebenfalls an einem 24. März, kurz vor Kriegs ende 1945, fast 200 jüdische Zwangsarbeiter bei einem Schlossfest erschossen worden. Darunter wohl auch Manuels Großvater.
Für Manuel selbst gerät nach der Zeit im »Pozo«, dem Folterkeller, die Zeit schlechthin aus den Fugen. Die Vergangenheit zerbirst in kaum zusammenhängende Fetzen, die Gegenwart ist nicht zu handhaben. Immer wieder taucht Marcelo auf, sein Folterer. Wenn auch sporadisch und im Abstand von vielen Jahren. Immer sind seine Auftritte folgenschwer. Manuel wirkt wie ausgeliefert; der schon ergraute Folterer hingegen kennt weder Zweifel noch Unsicherheit, geschweige denn Reue. Als unter der Präsidentschaft Néstor Kirchners (2003-2007) die Verantwortlichen der Folterzentren auch juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, empfindet Marcelo das als Frechheit angesichts seiner Leistungen für das Vaterland. Selbst als ihm die Verurteilung droht, lässt er sich vom Gefängnis noch selbstsicher ins Militärkrankenhaus verlegen. Nur einmal scheint ihm die Kontrolle zu entgleiten, es fällt ihm das Essen von der Gabel.
Manuel hingegen kontrolliert nichts mehr. Er geht seiner Arbeit nach, liest kaum noch den Politikteil in der Zeitung. Auch die sozialen Bewegungen für die Aufarbeitung der Diktatur nimmt er nur am Rande wahr. Dürr lässt die Lesenden teilhaben an einem Leben, das nur noch ein »Leben danach« ist. Wenn Marcelo alle paar Jahre in dieses Leben eindringt, hat Manuel ihm nichts entgegenzusetzen. Am Ende dann trifft er eine Entscheidung, auf die die ganze Erzählung zuläuft.

Psychologie der Macht

Dürr gelingt es, eine Psychologie der Macht aufzuzeigen, ohne sich dabei analytischer oder sozialwissenschaftlicher Begrifflichkeiten bedienen zu müssen. Vielmehr war Voraussetzung für diesen Text, dass Dürr als Kurator an der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Mauthausen arbeitet und sich in Argentinien als Research Fellow mit Zeugnissen von Überlebenden der Folterzentren beschäftigt hat. Es sind die geschilderten Gesten, die Abläufe, die Interaktionen, die das Funktionieren der Macht nachvollziehbar machen: Ausgeliefertsein ebenso wie Mitmachen.
Die Befreiung, die der Titel ankündigt, ist schließlich bestenfalls eine Befreiung in Anführungszeichen. Trotz allem scheint es, als hätte Dürr eine der Parolen der Bewegung zur Aufarbeitung der Verbrechen als Widmung ins Buch geschrieben: für die Wahrheit, die Erinnerung und die Gerechtigkeit. Auch wenn – oder vielmehr gerade weil – sein Protagonist Manuel Glucksmann die Treffen der Überlebenden nur ein einziges Mal besucht, ist das Buch ein Plädoyer für ihre Ziele: Wahrheit, Erinnerung und Gerechtigkeit.
Insofern bedient Dürr eher ein Verständnis von Melancholie, das der Historiker Enzo Traverso vertritt. In »Linke Melancholie. Über die Stärke einer verborgenen Tradition« hatte dieser die Melancholie als eine Stärke beschrieben. Die Kunst muss keinen Ausweg anbieten, den das reale Leben nicht geboten hatte. Dennoch reproduziert sie nicht automatisch Depression und Verzweiflung. Für die kollektive Erinnerung der Linken sei Melancholie, so Traverso, »ihr Vehikel, ihr Träger, ihr Hüter«. So kann Literatur das Niederschmetternde bewahren und doch eine Kraft spenden.



Rezensiert von: Jens Kastner
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