Cartier-Bresson, Deutschland 1945

LiteraturBlog, 1. 3. 2020



Henri Cartier-Bresson (1908-2004) war als Künstler und Kreativer in vielen Bereichen aktiv. Er war Fotograf, Regisseur, Schauspieler, Zeichner, Maler. Im Jahr 1947 gründete er gemeinsam mit anderen Fotografen die Fotoagentur Magnum, mit deren Hilfe die Position der Fotografen gegenüber den Verlagen gestärkt werden sollte – und wurde.

Der vorliegende Band „Cartier-Bresson, Deutschland 1945“ hat die Zeit des 2. Weltkrieges als Thema. Es war die Zeit, die für Cartier-Bresson Gefangenschaft in deutschen Lagern, mehrmaligen Fluchtversuche und im Jahr 1943 sein endgültiges Entkommen aus dem Zugriff der Deutschen mit sich brachte. In der Folge dokumentierte Cartier-Bresson mit seiner Leica Momente des Krieges und der Nachwirkungen und schuf damit gerade aus der Phase des Sieges der Alliierten über die Wehrmacht und der Befreiung aus der deutschen Besatzung eindrucksvolle Bilder.

Cartier-Bresson hielt Augenblicke fest, er bemühte sich nicht um Motive, er schuf sie nicht, sondern erkannte die Momente, die es Wert waren, für die Zukunft konserviert zu werden. Daraus entstanden oft unscharfe, meist nicht optimal ausgeleuchtete Fotografien; es entstand vor allem ein unverfälschtes Bild der Situation, besser, als man es hätte erzählen oder in einem Film bannen können.

Diese Fotografien halfen, die Wertigkeit und das Ansehen der ganzen Berufs- und Künstlergruppe der Fotografen enorm zu anzuheben bzw. in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

Bis in die 1970er Jahre dokumentierte Henri Cartier-Bresson die Brennpunkte des Weltgeschehens mit seiner Kamera und hinterließ dabei einmalige Bilder, die einfach die Realität zeigen, ungeschönt, so wie es geschah. Der 2. Weltkrieg war nur der Beginn seiner Arbeit, er war danach in China zur Zeit der Revolution, in der Sowjetunion, auf Kuba bei Castro, in Indien bei Gandhi und in vielen weiteren Ländern, als dort Entscheidendes stattfand; seine dabei entstandenen Bilder blicken hinter das, was wir normalerweise aus Dokumentationen und Geschichtsbüchern erfahren – sie erzählen mehr davon.

Dieses Buch aus dem Bahoe Verlag verbindet in gewohnt dichter Weise die gezeichnete Erzählung eines Lebensabschnittes Henri Cartier-Bressons mit vielen seiner Fotografien und biografischen Kapiteln. Spannend dabei, wie einige dieser Fotos in der Graphic Novel aus der Sicht eines Beobachters dargestellt werden, die/der Cartier-Bresson in dem Moment betrachtet, in dem dieser das Foto macht.

Dieses Ineinandergreifen von Graphic Novel, Fotografien und Texten bringt uns als LeserInnen an Orte und Zeitpunkte von geschichtlicher Relevanz, menschlicher Tragödien, Grausamkeiten und Mitgefühl. Nichts kann ein persönliches Erleben ersetzen, doch diese ungekünstelten Aufnahmen und Betrachtungen führen uns schon sehr nahe heran.

Ein beeindruckender Mann, dessen Wirken und Einfluss mir zuvor gänzlich unbekannt waren; erst dieses Buch hat mich dazu gebracht, mich mit ihm und seinem Nachlass zu beschäftigen



Rezensiert von: Andreas Hartl
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