Dichtung der Revolution

Junge Welt - Nr.288, 12.12.2015



Der Verlag bahoe books, der von einem anarchistischen Kollektiv betrieben wird, hat zudem Balestrinis »Carbonia« herausgebracht. Die gleichnamige, Ende der dreißiger Jahre von Mussolini gegründete Bergbaustadt auf Sardinien, ist der Dreh- und Angelpunkt einer exem­plarischen Arbeiterbiographie des 20. Jahrhunderts zwischen antifaschistischem Widerstand, den Streikbewegungen der fünfziger Jahre und einem zeitweiligen Leben in Australien. Balestrini leiht als parteiischer Dokumentarist den Bergarbeitern seine Stimme, verdichtet, was er von ihnen erfahren hat, zu einem atemlosen Monolog, in dem es an einer Stelle heißt: »ich habe aus dem Kampf in Carbonia viel gelernt zum Beispiel habe ich gelernt dass wir nur auf unsere eigene Stärke zählen konnten denn wer hat uns denn in Wahrheit geholfen bei unserem Kampf in Carbonia niemand absolut niemand«.

Bei der abschließenden Gesprächsrunde in der Kunsttankstelle glaubte der Vertreter von bahoe books, wo sonst nur politische Sachtexte erscheinen, betonen zu müssen, dass das Kollektiv sich für Literatur und Kunst eigentlich gar nicht interessiere. Den »ganzen« Balestrini auszuhalten – für manche scheint das nach wie vor eine Zumutung zu sein. Der Meister konterte mit der Feststellung, dass er sich gar nicht als politischer Aktivist verstehe, sondern als literarischer Chronist seiner Zeit. Gegenwärtig schreibe er nur Gedichte, weil er keine Ereignisse sehe, über die zu schreiben sich lohne. Als ein Italiener aus dem Publikum auf die Protestbewegung gegen die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke im piemontesischen Val di Susa verwies, reagierte Balestrini mit der berechtigten Frage, warum er derjenige sein sollte, der das immer machen müsse. Sein Werk jedenfalls ist ein Maßstab für politische Literatur, die diesen Namen verdient und sich ästhetisch auf der Höhe der Zeit bewegt – ein Maßstab, den gerade der deutschsprachige Literaturbetrieb nötig hätte, wo Juli Zeh oder Ulrich Peltzer als Autoren relevanter politischer Literatur gelten.

Rezensiert von: Florian Neuner
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