Denn unser Leben hat mehr als zwei, drei Dimensionen

Die Presse, 16. 2. 2020



Einmal streng den Fakten entlang, dann wieder voll Imagination: Comic-Biographien können sehr viel mehr sein als leicht konsumierbare Crashkurse in Sachen Allgemeinbildung.

Seit die Launen deutscher Rechtschreibregelungen es erlauben, den Biografen (wie Geo-, Krypto- und andere -grafen) als Mitglied einer vielleicht seltsamen, aber doch einer Art Adelsstand misszuverstehen, droht Stück für Stück in Vergessenheit zu geraten, welche Bedeutung dieses Suffix -graf tatsächlich trägt: Es leitet sich nämlich vom altgriechischen „gráphein“ ab, was soviel wie schreiben, aber auch zeichnen, malen bedeutet. Das vor Augen, fällt es nicht schwer, im Begriff Biografie nicht nur eine Lebensbeschreibung sondern eben auch das Lebensbild zu erkennen, das sich seinerseits sprachlich leicht als deutscher Verwandter des englischen Biopics ausweisen lässt. Kurz gesagt: Gleichsam schon vom Begriff her eignet der Darstellung gelebten Lebens ein starker Drang ins Bildhafte.

So wie die Biografie zu den ältesten literarischen Gattungen gehört, begleitet das Biopic, also die Filmbiografie, die Geschichte des Spielfilms quasi von Beginn an. Schon in den frühen Tagen der Kinematografie gehörten mehr oder minder seriös ausgeschmückte Einblicke ins Sein von Größen der Vergangenheit zum attraktivsten Bestand des jungen Mediums.

Biografie-Boom. Anders liegen die Dinge in Sachen Comic. Der nämlich verdankt seiner modernen Prägung seine Entstehung primär leichtfüßiger Unterhaltung, was sich kaum mit ernsthafter Auseinandersetzungen rund im die realen Vitae erhabener oder jedenfalls angesehener Geister in Einklang bringen lässt. Erst die Entwicklung komplexerer Comic-Formen wie insbesondere der Graphic Novel hat ermöglicht, was mittlerweile zu einem regelrechten Boom angewachsen ist. Jede Saison wartet mit einer Fülle von Comic-Biografien auf.

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Ähnliches, wenngleich an ganz anderem Gegenstand gezeigt, lässt sich über den Band sagen, den die drei Spanier Salva Rubio (Szenario), Pedro J. Colombo (Illustration) und Aintzane Landa (Kolorierung) dem Leben ihres Landsmanns Francisco Boix (1920–1951) gewdimet haben. Als „Fotograf von Mauthausen“ (so auch der Titel des Bandes) in die KZ-Forschung eingegangen, wird Boix als Kämpfer für die spanische Republik erst in Frankreich interniert und später von der Wehrmacht in den Vogesen festgenommen. Er ist gerade einmal 20 Jahre als, als er – wie viele seiner Mitstreiter – ins KZ Mauthausen deportiert wird. Dort gelingt es ihm, das Vertrauen von Paul Ricken zu gewinnen, seines Zeichens Leiter des Mauthausener SS-Erkennunsgdienstes. Boix wird selbst als Fotograf für den Erkennungsdienst tätig, eine Position, die es ihm ermöglicht, nicht nur zu überleben, sondern die anschließenden KZ-Jahre hindurch fotografisches Beweismaterial über die Täter beiseitezuschaffen – Beweismaterial, dem in den Kriegsverbrecherprozessen der Nachkriegszeit zentrale Bedeutung zukommen wird.

Die optische Gestaltung orientiert sich merkbar an dokumentarischem Material, nicht zuletzt jenem, das auf Boix selbst zurückgeht. Darüber hinaus haben Rubio(Colombo(Landa ihrer eigenen, zum Zwecke inhaltlicher Kompaktheit verkürzten Darstellung ein sehr instruktives Dossier beigestellt, das unvermeidlich Lücken mit historischer Dignität füllt. Auf Deutsch erschien bei Bahoe Books, Wien.



Rezensiert von: Wolfgang Freitag