Von der Not der Davongekommen

Tagebuch, Nr. 2/2020



Im Zentrum von Christian Dürrs beeindruckendem Debütroman, der sich von Budapest über Rechnitz, Mauthausen, Gunskirchen bis Buenos Aires spannt, steht eine Kleinfamilie: das Ehepaar Gluckstein, Moritz und Ágnes, das Zwangsarbeit und KZ-Haft überlebt hat, sich nah der Befreiung wiederfindet und fünf Jahre später mit seinem in einem Linzer Flüchtlingslager geborenen Sohn Manuel nach Argentinien auswandert. Von den physischen Gräueln, die seine Eltern erlitten haben, wird auch Manuel erfasst, als er sich nach dem Militärputsch vom März 1978 in Buenos Aires der bewaffneten Opposition anschließt, festgenommen, verschleppt und in einem Geheimverlies gefoltert wird. Wie sie leidet er ebenso unter den seelischen Verwundungen, die sich in Schuldgefühlen, in Kontaktarmut und der Sucht nach Vergessen äußern. Der vierte Romanheld heißt Marcelo und ist Oberaufseher oder Kommandant des Folterlagers, der Manuel nach einigen Wochen oder Monaten laufen lässt, allerdings mit der Auflage, dass der junge Mann ihm weiterhin ergeben ist. Der doppelte Romantitel verweist auf den einzigen Ausweg, den Manuel sieht, um sich von seinem Peiniger zu befreien.

Ich weiß nicht, ob der Historiker Christian Dürr die Geschichte erfunden oder an einen realen Fall angelehnt hat, auf den er vielleicht während eines langen Forschungsaufenthalts in Buenos Aires gestoßen ist; ich jedenfalls habe nie davon gehört, dass Militärs, Polizisten, Konfidenten oder andere Büttel des Regimes ihre überlebenden Opfer so viele Jahre später – in Dürrs Roman: während der Regierungszeit von Néstor Kirchner, 2003 bis 2007 – in psychischer Abhängigkeit gehalten hätten. Auszuschließen ist es nicht, wenn man an den Fall des Geheimagenten Arquímedes Puccio denkt, der noch nach dem Ende der Diktatur Menschen entführt, Lösegeld kassiert, die Entführten trotzdem ermordet hat. Puccios Macht über seine Frau und seine Kinder war so groß, dass diese die Ausnahmesituation – die Schmerzensschreie der Entführten im Keller oder Badezimmer des Wohnhauses – für normal hielten und sogar an den kriminellen Aktionen des Familienoberhaupts teilnahmen.

Dürr erzählt Manuels Geschichte in einem ruhigen, etwas freudlosen Tonfall, durch den sich die Bedrücktheit Manuels und seiner Eltern mitteilt. Indem er sich Emotionen versagt, öffnet er den Roman für die Empfindungen seiner Leserinnen und Leser. Die Genauigkeit in historischen, landeskundlichen und topografischen Details lässt Ausmaß an Wissen und Recherche erahnen. Aber der Autor trumpft damit nicht auf. Und was mich am meisten beeindruckt: dass Christian Dürr ein Werk geschaffen hat, das seine gesellschaftliche Brisanz nicht behauptet, sondern von der ersten bis zur letzten Seite unter Beweis stellt. Er ist frei vom Verdacht, Ausgedachtes mit Realitätsflicken staffiert zu haben.

Bei einer Befragung, noch im Linzer DP-Lager, über ihre Erlebnisse in Ravensbrück und Mauthausen hatte Dürr Manuels Mutter sagen lassen, dass sie die toten KameradInnen darum beneide, nicht mehr erzählen zu müssen. „Das ist ihr Glück. Aber wir tragen diese Geschichten mit uns herum. Wir müssen irgendetwas damit machen, für uns selbst und für all die anderen, die jetzt tot sind. Aber wir wissen nicht was. Ich weiß es nicht. Was soll ich damit machen?“ Aufschreiben! Doch was tun, wenn die Kraft, das Können, der Mut dazu fehlt? Oder wenn das Aufgeschriebene verloren geht? Dann braucht es einen Schriftsteller wie diesen Christian Dürr, gewissenhaft und ideenreich, dem mein Willkommensgruß gilt.



Rezensiert von: Erich Hackl
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