Nieder mit den Restaurants

Schwarzi Chatz – Zeitung der FAU Bern, #62, Jan/Feb. 2020



Nieder mit den Restaurant ist eine Agitationsbroschüre der etwas anderen Art. Während solche Schriften nicht selten ihre Leser*innen mit Bleiwüsten quälen, versucht prole.info einen anderen Weg zu gehen.

Die Broschüre bietet zunächst einen Abriss über die Geschichte der Restaurants und erklärt, wie deren Aufkommen mit dem Aufstieg des Industriekapitalismus zusammenhängt. Aufgrund der Arbeitsbedingungen war es vielen Lohnarbeiter*innen nicht mehr möglich, ihre (Mittags-)Mahlzeiten zu Hause einzunehmen. So sind sie gezwungen, sich auswärts zu verpflegen, was seit Entstehen der Restaurant-Industrie zumindest in unseren Breitengraden die teurere Variante ist. Das höhere Bürgertum und die Aristokratie hingegen waren auf Restaurants nie angewiesen, denn sie hatten Personal in ihren Haushälten. Die Funktion als Ausgangsort erhielten Restaurants erst später.
Auf diesen historischen Überblick folgt eine auf den Restaurantbetrieb zugeschnittene Analyse und Kritik der Lohnarbeit. Bemerkenswert ist die Sprache: Das theoretische (marxistische) Vokabular ist aufs Minimum reduziert, was dem Inhalt jedoch überhaupt keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Die Klarheit und Zugänglichkeit der Sprache lässt hoffen, dass das Buch tatsächlich auch von mehr Menschen als den üblichen Verdächtigen gelesen wird. Ein Restaurantbetrieb bedeutet nicht nur Ausbeutung sondern auch physische Strapazen: Mensch muss nicht nur viel stehen und / oder herumlaufen, stinkt nach Feierabend nach abgestandenen Küchengerüchen sondern muss im Kundenkontakt auch noch stets ein nettes Lächeln aufsetzen, während gewisse Menschen förmlich die Macht geniessen, über die Höhe des Trinkgeldes zu bestimmen.

Eine verkürzte Kritik der Kollektivbetriebe

Im zweiten Teil, «Wie ein Restaurant zerlegt wird», wird die Selbstorganisierung der Arbeiter*innen propagiert und Gewerkschaften sowie alternative Arbeitsformen wie Kollektive kritisiert. Tatsächlich kann und soll an ihnen solidarische Kritik geübt werden, doch diese Arbeitsform damit abzutun, dass sie den Kapitalismus auch nicht überwindet – was hoffentlich den in Kollektivbetrieben Arbeitenden ohnehin klar ist – greift zu kurz. Unerwähnt bleibt der Umstand, dass solche Betriebe aufzeigen können dass hierarchiebefreite Zusammenarbeit den kapitalistischen Widrigkeiten zum Trotz heute bereits möglich ist. Gleichzeitig wäre es freilich idealistisch im schlechten Sinne, die Nachteile zu verschweigen, doch diese müssten ausführlicher behandelt werden als in der Kritik von prole.info. Zum einen erzeugt die Mitarbeit in einem Kollektivbetrieb eine ganz eigene Art von Druck: Wenn mensch blau macht, lässt er*sie die Kolleg*innen im Stich, sein*ihr Verhalten kann als unsolidarisch wahrgenommen werden. Ein Kollektivbetrieb kann auch nicht sabotiert oder bestreikt werden, um es den Bossen/dem Kapital zu zeigen. Zum anderen finden in Kollektivbetrieben eher Menschen zusammen, die mit den kapitalistischen Verhältnissen unzufrieden sind – damit fehlen sie andernorts, wo sie wirkungsvoll syndikalistisch aktiv sein könnten.
An der Motivation der Kritik rüttelt dies freilich nicht, denn tatsächlich reicht es nicht, sich selbst zu organisieren, wenn nicht im gleichen zu das kapitalistische System bekämpft wird.

Illustratorisch originell, typographisch fad

Während die sprachliche Zugänglichkeit gewährleistet ist, sind auf der gestalterischen Ebene leider nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden. Gerade die analytischen Passagen sind textlastig und die Textrahmen vollgefüllt. Das erinnert an Webcomics wie xkcd. Die Illustrationen wirken eher wie Ergänzungen zum Text als dass beide ineinander gleichrangig verwoben wären. Auch die Schriftart passt nicht so recht zur graphischen Gestaltung.

Interessant ist die Gestaltung der Figuren. Sie sind durchgehend gesichtslos. Das sieht zunächst nach einem*einer faulen Zeichner*in aus, ergibt jedoch Sinn: Dadurch werden die Figuren gänzlich durch ihre Kleidung charakterisiert. Gezeigt werden sie entweder in ihrer Arbeitskluft als austauschbare Lohnarbeiter*innen oder in (scheinbar) indivudalisierender Freizeitkleidung. Plötzlich militant Der letzte Teil, «Eine Welt ohne Restaurant» imaginiert eine revolutionäre Umwälzung, die etwas romantisch wirkt. Die Bildsprache wird auf einmal militant. Der Bruch mit den vorangehenden Analysen kommt unvermittelt und suggeriert den Eindruck, mensch brauche sich bloss eben mal syndikalistisch zusammenzutun und dann klappe es auch gleich mit der Revolution. So einfach ist die Sache eben nicht. Analog zum Teil über die Kritik an Kollektivbetrieben fehlt es hier an Nuancierung. Dennoch handelt es sich bei Nieder mit den Restaurants um ein lesenswertes Buch, das einen Schritt darstellt in die Richtung, wie Agitation anders betrieben werden kann.



Rezensiert von: Barry Bernhard
Link: www.faubern.ch/