Eingefrorene Trauer

Junge Welt, 21.,22.12./2019



Von der Qual des Davonkommens: Das beeindruckende Romandebüt des österreichischen Geschichtsforschers Christian Dürr.


Vom Terror der argentinischen Militärdiktatur wurden überproportional viele Oppositionelle erfasst, deren Angehörige als Verfolgte des Naziregimes oder, nach dessen Niederlage, als Displaced Persons (DP) nach Südamerika emigriert waren. So hatten drei der fünf jungen Austroargentinier, die als Mitglieder marxistischer oder linksperonistischer Organisationen in den Jahren 1976 und 1977 entführt wurden und seitdem verschwunden sind, jüdische – oder als jüdisch verfolgte – Eltern, denen es nach der Annexion Österreichs gelungen war, in Argentinien oder einem seiner Nachbarländer Zuflucht zu finden. Hingegen ist kein Fall von Verschwundenen bekanntgeworden, die Kinder von Naziverbrechern oder -kollaborateuren waren. Trotzdem regen derartige Spekulationen die Phantasie von Schriftstellern an, auch von solchen, die man für seriös halten möchte.

Der Autor und Filmemacher Edgardo Cozarinsky zum Beispiel verbindet in seinem Roman »Lejos de dónde« (Weit von wo) die – erfundene – Geschichte einer Wiener KZ-Aufseherin, die sich unter dem Namen einer ermordeten Jüdin in Buenos Aires niederlässt, mit der ebenso erfundenen Verfolgung ihres Sohnes durch die Militärdiktatur. Mit dieser Fabel verstößt Cozarinsky nicht nur gegen die historische Wahrheit, sondern gibt indirekt zu verstehen, dass Täter und Opfer im Grunde austauschbar sind. Dagegen steht die Forderung nach dem »Tabu auf dem Stoff ›Auschwitz‹«, die Christa Wolf einst erhoben hatte. Gemeint ist das selbst auferlegte, auch anderen aufzuerlegende Verbot, fremdes Leiden und Sterben im KZ als Rohstofflager für eigene Fiktionen zu verwenden, und das gilt prinzipiell auch hinsichtlich der geheimen Folterzentren der argentinischen Militärs.

Erstaunlich ist, wie der Philosoph und Historiker Christian Dürr, Jahrgang 1971, in seinem Romanerstling dieses Verbot überschritten und zugleich beherzigt hat. Jedenfalls schreibt er keinen Kitsch, der laut Ruth Klüger nichts anderes ist als Lüge. Dürr, Mitarbeiter der Gedenkstätte Mauthausen, ist mit der Geschichte der deutschen Konzentrationslager ebenso vertraut wie mit Widerstand und Verfolgung in Argentinien, wo er sich ein Jahr lang mit den Erinnerungen von Überlebenden der illegalen Kerker beschäftigt hat. In vier Abschnitten und dreißig Kapiteln entwirft er ein glaubhaftes Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse und mehr noch der seelischen Verfasstheit seines Protagonisten Manuel Gluckstein, indem er beide Unterdrückungserfahrungen – die deutsche wie die argentinische – in dessen Person und Familiengeschichte zusammen- führt: Manuel ist 1947 in einem Linzer DP-Lager geboren, in dem seine aus Budapest stammenden Eltern einander nach der Befreiung aus KZ-Haft und Zwangsarbeit wiedergefunden hatten. In Buenos Aires, ihrem Emigrationsort, beginnt er sich politisch zu engagieren, macht in der militanten Organisation, die nie konkret benannt wird, jedoch eher aus Gruppenzwang denn aus Überzeugung mit. Er wird gefasst und in einem unterirdischen Verlies gefoltert, im Gegensatz zu seiner Freundin und anderen dorthin verschleppten Gefährten aber nicht getötet, sondern nach Monaten mit der Auflage freigelassen, sich bei einem seiner Peiniger regelmäßig zu melden. Dieser Mann, der sich Marcelo nennt, hält ihn nicht nur – bis lange nach dem Ende der Diktatur – in psychischer Abhängigkeit, sondern gewinnt auch das Vertrauen seines Vaters und richtet über Manuels verstorbene Mutter, weil sie »immer nur zurückgeschaut« habe, statt wie der Vater »alles zu vergessen« und »an die Zukunft« zu denken. »Willst du so sein wie deine Mutter oder so wie dein Vater?«

Beiden – und auch ihrem Sohn – ist die nach vielen Verlusten verleugnete Trauer um geliebte Menschen gemeinsam. Auch das uneingestandene Schuldgefühl, überlebt zu haben. Dies erklärt, dass sie, was ihnen widerfahren ist, nicht bewältigen, nur in einer Art eingefrorener Trauer beschweigen können. Erst die im Romantitel an- gedeutete Tat bedeutet, zumindest für Manuel, die Erlösung. Allerdings ist sie auch das einzige phantastische Element in der Geschichte. Bis heute ist nämlich kein einziger Fall von Selbstjustiz eines oder einer Überlebenden bekanntgeworden. (Nur den umgekehrten Fall gibt es, das spurlose Verschwinden – die Ermordung – eines Gefolterten von damals, des Maurers Julio López, nachdem er im September 2006 vor Gericht gegen den verantwortlichen Polizeioffizier ausgesagt hatte.)

Imponierend ist das kluge Konzept hinter diesem Roman und die Beherrschtheit, mit der der Autor es umgesetzt hat: in einem distanzierten, etwas steifen und bedrückten Erzählton, der dem Wesen und den Erfahrungen des Protagonisten und seiner Eltern entspricht; mit dem Wagnis, Folter literarisch darzustellen, dabei den Schmerz von innen heraus, in einer Mischung aus Diskretion und Überhöhung zu beschreiben; im Wechsel von narrativen Passagen in allwissender, dann wieder personaler Erzählperspektive mit Abschriften von Befragungen, Zeitungsartikeln und Krankheitsbefunden.

Alle dreißig oder vierzig Seiten stolpert man über Eingabefehler oder Stilblüten eines offenbar beschwipsten Lektorats: »Sie schlangen sich durch eine hügelige Landschaft«, »Nur einmal nahm er zufällig ein Buch aus dem Regal, begann zu bringen und legte es nicht mehr weg«, »Aus der Tiefe des Sessels heraus begleitete ein ernster, leicht erzürnter Blick ihre Ansprache«. Angesichts der großen Ernsthaftigkeit des Romans stören solche Patzer nicht weiter.



Rezensiert von: Erich Hackl
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