Kämpfer für Gerechtigkeit

Tagesspiegel, 16. 12. 2019



Comic-Held der Woche

Nein, es führt nicht dazu, dass man die Regierung liebt, wenn man von einem Versteck im Gebüsch eines kleinen russischen Schtetls aus zusehen muss, wie Regierungsschergen die Bewohner des heimischen Dorfs niedermetzeln. Nur weil sie Juden sind. Oder dafür gehalten werden. Die Killertruppen des Zaren machen keine halben Sachen. Der kleine Simón überlebt mit Glück in seinem Versteck, aber sein Onkel wird ermordet, der Bruder verliert angesichts der erlebten Gräuel den Verstand, und seinen besten Freund findet Simón in zwei Teile zerhackt wieder.

Die Restfamilie flieht in eine andere Stadt. Besser ist es da nicht. Kinderarbeit und Ausbeutung sind an der Tagesordnung. Wer sich wehrt, wird gefeuert. Bestenfalls. Und Simón wehrt sich. Sein Vater hat ihn religiös erzogen. Gerechtigkeit war immer oberste Maxime. Aber wo ist hier noch Gerechtigkeit? Und wie soll man sich wehren? Als Simón später ein Buch des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin in die Hände fällt, findet er darin Ideen, mit denen er mehr anfangen kann als mit denen der Thora.

Es sind wirre Zeiten: Erster Weltkrieg, Russische Revolution, Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, allerorten Pogrome gegen Juden. Doch die russische Revolution von 1905 scheitert, die Repression nimmt zu. Simón flieht nach Südamerika und wird in die sozialen Kämpfe des Kontinents verwickelt. In Argentinien erlebt er, wie eine Demonstration blutig niedergeschlagen wird. Er verschwindet für Jahre im Gefängnis. Folter und Isolationshaft sind an der Tagesordnung. Doch so sehr sie ihn auch quälen – Simón redet nicht. Das verleiht ihm unter den Gefangenen einen Status als Widerstandskämpfer. Das ist hilfreich, als er über einen Ausbruch nachdenkt.

Simón Radowitzky, die Hauptfigur in Agustín Comottos gleichnamigem Co- mic, hat es wirklich gegeben. In dieser Biografie zeichnet Comotto dessen Leben geschickt nach. Er entwickelt Spannung durch Verschachtelung der Zeitebenen. Und die eher durchschnittlichen Schwarz- weiß-Bilder werden immer da richtig stark, wo sie durch Rottöne zusätzlich Atmosphäre bekommen. Eine spannende, lebensnah erzählte Geschichte über einen Menschen, der nie ein Held sein wollte, aber einer wurde, weil er eine klare Linie verfolgte: immer und überall für Gerechtigkeit einzutreten.



Rezensiert von: Peter Hetzler