Zeichnungen aus dem KZ

Informationen/Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, Nr. 90, 11/2019



Ein wichtiger bildlicher Zugang zur Welt der Konzentrationslager sind die dort entstandenen Zeichnungen, die Häftlinge heimlich und unter Lebensgefahr angefertigt haben. Gerade heute, in der sich die Welt zunehmend visualisiert – Stichwort Instagram – sind diese Bilder ein wichtiges Korrektiv des Bilderkosmos Konzentrationslager. Sie sind durch die Häftlinge entstanden und spiegeln nicht den Blick der TäterInnen und die Interessen der SS wider.

Mit unermüdlichem Fleiß hat der italienische Schriftsteller und Künstler Arturo Benvenuti in den 1970er und Anfang der 1980er Jahre Zeichnungen und Bilder von KZ-Insassen aus Gedenkstätten, Archiven und Museen in ganz Europa und Israel zusammengetragen. Mehr als 250 Bilder versammelt sein erstmals 1983 erschienenes Buch „K.Z.“, eine bahnbrechende Pionierarbeit. Nach der Wiederveröffentlichung der italienischen Ausgabe 2014 sind nun auch eine englischsprachige, französischsprachige und 2017 die erste deutschsprachige Fassung dieses Werks erschienen. Welche Bedeutung die von Benvenuti zusammengetragenen Zeichnungen haben, unterstreicht Primo Levi in seinem Vorwort: „Ich denke, dass es neben der bloßen Erinnerung noch einen besonderen Wert hat, nämlich in der Darstellung des Horrors, für den die Worte fehlen. Die hier abgedruckten Bilder sind kein Äquivalent und kein Ersatz dafür: aber sie lösen die Worte ab. Sie stellen etwas dar was die Sprache nicht auszudrücken vermag. Einige Bilder haben die unmittelbare Kraft der Kunst, aber alle haben die raue Kraft des Auges, das die Entrüstung gesehen und übermittelt hat.“

Die Bilder zeigen die Brutalität der Konzentrationslager, sie zeigen Verzweiflung und Gewalt. Zu sehen sind Häftlinge bei der Ankunft und bei der Arbeit, ihre ausgemergelten Körper bis hin zum massenhaften Tod, aber auch Porträts einzelner Häftlinge. Bei mancher Zeichnung erkennt man noch das Papier mit Aufdrucken der I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft oder des Oberpräsidenten der Provinz Oberschlesien. Benvenuti versammelt ein breites Spektrum an Bildern: von der schnellen Skizze, über das detaillierte Porträt bis hin zu Gemälden, die nach der Befreiung entstanden sind und in denen die ehemaligen Häftlinge ihr Erlebtes verarbeiten und die Erinnerung wachhalten wollen.

Gesammelt sind die Bilder alphabetisch nach den Namen der KünstlerInnen mit ganz kurzen Informationen zu ihnen. Wir erfahren den Namen, das Geburtsland und Geburtsjahr und – soweit bekannt – Titel des Bildes, Entstehungsjahr und Lager. Und hier setzt eine gewisse Ratlosigkeit des Rezensenten ein. Sicherlich sind die Informationen über einzelne Künstler nur bruchstückhaft vorhanden. Durch den Aufschwung der Forschung zu den Konzentrationslagern, insbesondere der letzten 30 Jahre, ließen sich aber sicherlich zu vielen KünstlerInnen mehr biografische Informationen finden. Ein Personenverzeichnis mit weiteren biografischen Notizen wäre eine wichtige Ergänzung zu diesem Buch gewesen. Darüber hinaus stammen die Zeichnungen aus den unterschiedlichsten Lagertypen: den Vernichtungslagern in Osteuropa und den großen Konzentrationslagern im Deutschen Reich, aus KZ-Außenlagern und Ghettos, dem SS-Sonderlager Mechelen, den Internierungslagern in Gurs oder Saint-Cyprien oder Konzentrationslagern in Italien und auf dem Balkan bis hin zum Zwangsarbeitslager Dörnhau im heutigen Polen. Sie bilden ganz unterschiedliche Welten ab mit unterschiedlichen Haft- und Zeichenbedingungen. Zeichnungen aus anderen Bereichen des Systems der Konzentrationslager fehlen, so etwa Zeichnungen aus dem KZ-Komplex Natzweiler-Struthof. Zu nennen wären hier exemplarisch die Bilder von Jacques Barrau oder Mieczyslaw Wisniewski.

Dass der Band nicht alle vorhandenen Zeichnungen versammeln kann, ist selbstverständlich. Dennoch hätte ein Begleitwort zur Neuauflage Aufklärung schaffen können. Vielleicht wäre eine thematische Sortierung nach Bildmotiven oder Entstehungsorten oder Lagertypen sinnvoll gewesen? Bedauernswert ist auch, dass die LeserInnen nichts über die Geschichte der einzelnen Zeichnungen erfahren: Wie sind sie entstanden, wie haben sie die NS-Zeit überlebt? Wurden sie vergraben, in Mauerwerk versteckt oder konnten Häftlinge sie hinausschmuggeln? Wie viele Zeichnungen sind von den jeweiligen Häftlingen erhalten geblieben? Antworten, die Benvenuti 1983 vielleicht noch nicht geben konnte. Einiges hätte nun aber hinzugefügt werden können.

Dennoch ist es Benvenuti gelungen, eine Vielfalt an künstlerischem Wirken an den Orten des Grauens aufzuzeigen. Die Gesamtschau hinterlässt den Betrachter oft sprachlos. Und wenn Benvenutis rudimentäre Kommentierung die LeserInnen anregt, sich auf die Spuren einzelner KünstlerInnen oder Zeichnungen zu machen, ist viel gewonnen.



Rezensiert von: Thomas Altmeyer
Link: www.widerstand-1933-1945.de/content/article/1190/61/