Graphic Novel über den Retter der Bilder

orf.at, 13. 10. 2019





Von wenigen Konzentrationslagern sind so viele Fotos aus der aktiven Zeit erhalten wie von Mauthausen. Zu verdanken ist das unter anderem dem Mut des jungen KZ-Häftlings Francisco Boix, der Negative versteckte, aus dem Lager schmuggelte und nach der Befreiung mit der Leica des SS-Erkennungsdienstes weiterdokumentierte. Eine Graphic Novel erzählt nun seine Geschichte.


Schon als Jugendlicher fotografierte Boix für die „Juventudes Socialistas Unificadas de Cataluna“. Mit dem Sieg der Faschisten in Spanien musste er nach Frankreich fliehen, wo er im Frühling 1940 in deutsche Gefangenschaft geriet und 1941 als einer von mehr als 7.000 spanischen Häftlingen nach Mauthausen deportiert wurde. Dem jungen Katalanen, der später unter dem Beinamen „Der Fotograf von Mauthausen“ berühmt wurde, ist eine spanische Graphic Novel von Autor Salva Rubio, Illustrator Pedro J. Colombo und Koloristin Aintzane Landa gewidmet, die nun auf Deutsch erschienen ist.

Nach seiner Ankunft in Mauthausen wurde Boix aufgrund seiner fotografischen Vorkenntnisse dazu eingeteilt, für den Erkennungsdienst zu arbeiten, also für die fotografische Dokumentation ankommender Häftlinge, eine bevorzugte Position innerhalb des Lagers. Dabei musste er jene Bilder entwickeln, die Paul Ricken anfertigte, der ab 1943 Leiter des Erkennungsdienstes war – etwa vom Baufortschritt des Lagers, von besonderen Ereignissen wie hohen Besuchen und Beförderungen sowie auch inszenierte Propagandafotos, die Häftlinge beispielsweise beim vorgeblich fröhlichen Schachspiel zeigten.

Fotos zur Verschleierung

Zu Rickens Aufgabe gehörte es außerdem, „Aufnahmen von unnatürlichen Todesfällen von Häftlingen oder von medizinischen Operationen und Operationsergebnissen für den Standortarzt zu machen“, wie er später im Prozess gegen ihn und weitere Mauthausen-Täter zu Protokoll gab. Als unnatürliche Todesfälle wurden Unfälle, „Erschießungen auf der Flucht“ und Suizide gelistet, die alle eine Untersuchung inklusive erkennungsdienstlicher Fotografien nach sich zogen.

Diese Untersuchungen jedoch dienten vor allem der Verschleierung: Tatsächlich handelte es sich bei diesen Todesfällen zu allermeist um gezielte Mordaktionen durch SS-Personal, die Fotos dienten der Vertuschung. Wie mehrere Zeugen berichteten, ließ Ricken die Position der Leichen am Tatort oft so verändern, dass ein Fluchtversuch oder ein tatsächlicher Suizid plausibel erscheinen sollte; die Toten wurden etwa in den Stacheldrahtzaun gehängt, als hätten sie ihn zu überklettern versucht.

„Unnatürliche Todesfälle“

Mehrere Häftlinge, die mit diesen Fotos zu tun hatten, darunter auch Boix, erkannten die Bedeutung als Beweise für die Verbrechen der Nazis. In mehreren lebensgefährlichen Aktionen gelang es, Abzüge und Negative innerhalb des Lagers zu verstecken. Mit Hilfe des „Poschacher-Kommandos“, einer Gruppe junger spanischer KZ-Häftlinge, die in einem lokalen Steinmetzunternehmen arbeiteten, konnten einige Fotos auf spektakuläre Weise sogar aus dem Lager geschmuggelt werden, wo die mutige Mauthausner Antifaschistin Anna Pointner sie bis Kriegsende versteckte.

Beim Herannahen der Alliierten Anfang Mai 1945 verließ die SS Mauthausen, nicht ohne zuvor alle greifbaren Beweise zu vernichten. Auch die Gaskammer, die tags zuvor noch in Betrieb war, war am 29. April abgebaut worden. Boix nahm eine Leica des Erkennungsdienstes der SS und dokumentierte die Ankunft der US-Truppen. Er fotografierte die Überlebenden, aber auch die sich stapelnden Leichen jener, die in den letzten Tagen und Wochen vor und auch noch nach der Befreiung starben.

Ästhetik am Abgrund

Die Fotos von Ricken, die Boix und seine spanischen Genossen vor der Vernichtung retten konnten – nach eigenen Angaben über 20.000 – waren später in den Nürnberger Prozessen und in den Dachauer Mauthausen-Prozessen wichtige Beweismittel. Unter anderem bewiesen diese Bilder, dass der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, und Ernst Kaltenbrunner, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, zu Besuchen im Konzentrationslager gewesen waren, was zu deren Verurteilung beitrug. „Fast alle Fotos, die wir aus der aktiven Zeit des Lagers haben, existieren dank dieser Gruppe spanischer Häftlinge“, sagte Gregor Holzinger von der KZ-Gedenkstätte Mauthausen.

Rickens Aufnahmen der „unnatürlichen Todesfälle“ zeigen jedoch auch eine ästhetische Besonderheit, schreibt Holzinger in seinem Beitrag über Ricken, der der Graphic Novel angefügt ist: „Er achtete genau auf Komposition und Perspektiven, versuchte jedes einzelne Foto zu einem Kunstwerk zu inszenieren, als ob er statt toter Körper die Schönheit der Natur festhielte.“ Offenbar nahm Ricken, der Oberschullehrer für bildende Kunst in Essen gewesen war, seine Arbeit im Erkennungsdienst von Mauthausen zum Anlass, seinen Kunstsinn auszuleben.

In Häftlingsaussagen wird Ricken als „Monomane“ mit „Persönlichkeitsspaltung“ charakterisiert. Exzentrischer Beweis dafür ist ein Foto, das Ricken wie tot auf dem Rücken liegend zeigt. Ob Ricken das Bild per Selbstauslöser machte oder, wie in der Graphic Novel dargestellt, Boix den Auslöser drückte, ist nicht mehr feststellbar. Boix notierte auf der Rückseite des Abzugs: „Der SS-Unteroffizier Paul Ricken, Urheber der meisten dieser Dokumente und Chef des Erkennungsdienstes […] erholt sich in der Weite der Landschaft und lässt sich so abbilden, wie er üblicherweise die Erschossenen aller Nationalitäten fotografiert.“

Boix als Comic- und Filmheld

Die Graphic Novel erzählt nun die Geschichte Boix’ in düsteren Bildern. Ein umfangreicher Anhang gibt Aufschluss über die historischen Fakten. Der Comic endet mit der Ernüchterung, dass bei den Nürnberger Prozessen nur belastendes Material zu konkreten Tätern gesehen und gehört wird; Boix’ Berichte vom Leiden der Häftlinge, ihre Geschichten, ihre Qualen „tun nichts zur Sache“.

Boix, bei der Befreiung erst 25 Jahre alt, erlebte noch, wie aufgrund der durch ihn gesicherten Beweise zumindest einige NS-Verbrecher bestraft wurden. Er starb aber schon im Juli 1951 in Paris an einer Krankheit, die er sich während der KZ-Haft zugezogen hatte.



Rezensiert von: Magdalena Miedl
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