Sportello, Doc (Hg.): Rojava. Ist der Aufstand gekommen?

Wiener Jahrbuch für Kurdische Studien Nr. 4/2016



Diese in einem Wiener linken Kleinstverlag entstandene Textsammlung setzt sich aus einer kritisch-linksradikalen Perspektive mit der Entwicklung in Rojava auseinander. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um drei verschiedene Texte, die sich zwar alle mit Rojava beschäftigen, allerdings nicht ein wirklich stringentes Gesamtwerk ausmachen. Die drei Essays stammen von Gilles Dauve, Il Lato Cattivo und einer gewissen Becky, die einen Erlebnisbericht aus dem Kanton Cizîrê beisteuert. Il Lato Cattivo („Die schlechte Seite“) ist eine Gruppe aus Italien. Der hier auf Deutsch vorliegende Text stammt aus dem Jahr 2014 und wurde mittlerweile in zahlreiche Sprachen übertragen. Er stellt eine Antwort auf einen Text von Daniele Pepino dar, der aus Sicht von Il Lato Cattivo zu viele Fragen unbeantwortet gelassen hatte. Auch der Beitrag von Becky basiert auf einer Reise nach Rojava aus dem Jahr 2014. Gilles Dauve, der früher seine Texte unter dem Pseudonym Jean Barrot veröffentlichte, war massgeblich für die Entwicklung der Theorie der Kommunisierung in den 1970er Jahren und wirft schließlich aus dieser Perspektive einen kritischen Blick auf Rojava.

Was alle drei Texte gemeinsam haben und sie angenehm von manch anderer linksradikaler Literatur zu Rojava abhebt ist, dass es sich dabei um kritische linke Zugänge handelt, die auch die PYD und ihr in Rojava aufgebautes politisches System kritisch hinterfragen. Alle drei Ansätze heben sich damit von unkritischen Lobgesängen, wie sie in den letzten Jahren von David Graeber oder Janet Biehl in der radikalen Linken verbreitet wurden, erfreulich ab. Alle drei Beiträge stellen somit aus einer anarchistischen und linksradikalen Perspektive wichtige Frage an die kurdischen GenossInnen in Rojava. Allerdings geben alle drei Beiträge wenig Antworten. Allen drei Beiträgen ist anzumerken, dass sie von engagierten Linksradikalen aber nicht von langjährigen KennerInnen der Region verfasst wurden. Keiner der Texte hat den Anspruch wissenschaftlich zu sein. Alle drei sind politische Essays, die von Personen verfasst wurden, die sich offenbar zwar teilweise mit Rojava beschäftigt haben, deren Schwerpunkte jedoch in anderwertigem politischen Aktivismus zu liegen scheinen.

Die gestellten Fragen, nach der Fortdauer von Klassengesellschaft in Rojava oder dem Einfluss des Militärs bleiben jedoch wichtig. Auch die Gilles Dauvé formulierte skeptische Beobachtung gegenüber der Behauptung, dass in Rojava die Gleichberechtigung der Frauen schon erkämpft wäre (S. 89), ist zentral für eine seriöse solidarische Kritik des Rojava-Projektes. Insofern wäre diese kleine politische Schrift insbesondere für Rojava-Enthusiasten durchaus eine lohnende Lektüre, die auch gegenüber diesem Experiment weiter zum kritischen Fragen anregen kann.

Rezensiert von: Thomas Schmidinger