Er ging durch die Hölle von Auschwitz – und blieb ein Mensch

Die Welt, 31.7.2019



Er hat Auschwitz so konkret geschildert und mit Worten fassbar gemacht wie niemand vor ihm. Eine Erinnerung zum 100. Geburtstag des Italieners Primo Levi, der das berühmteste aller Bücher über den Holocaust geschrieben hat.

Im Jahr 1986, wenige Monate vor seinem tragischen Tod, besucht Primo Levi eine Schule in Turin – nicht irgendeine Schule, sondern seine alte Schule. Die Geschichtslehrerin hat ihn als Zeitzeugen geladen. Die Kinder sind vorlaut, erwarten Superman, der vom Krieg erzählt, mindestens aber Geschichten mit Pistolen. Doch der Mann beginnt mit den Worten: „Wisst ihr, Kinder, als ich so alt war wie ihr, habe ich Zahlen sehr geliebt.“ Er schreibt eine sechsstellige Nummer auf die Tafel. Die 174517, die auf seinen linken Unterarm tätowiert wurde, bestimmte ab 1944 sein Leben.

Zahlen und Formeln, Mathe und Chemie sind nicht gerade die beliebtesten Schulfächer, doch Primo Levi, der am 31. Juli 1919 in Turin geboren wurde, haben sie das Leben gerettet. Levi war erst ein zahlenverliebter Schüler, dann Chemiestudent. Dass er auch Jude war, wurde erst bedeutsam, als 1938 die „Rassegesetze“ der Mussolini-Regierung in Kraft traten. Danach durften Personen jüdischer Herkunft keine öffentlichen Bildungseinrichtungen mehr besuchen. Die schon eingeschriebenen Studenten durften allerdings noch abschließen, was Primo Levi 1941 eine Urkunde mit dem Prädikat „cum laude“ und dem Vermerk „jüdisch“ einbrachte: „halb Ehre, halb Hohn, halb Freispruch, halb Verurteilung“, wie Levi Jahrzehnte später notierte.

Nach dem Studium und nach dem Fall der faschistischen Regierung in Rom schloss sich Levi den Partisanen an. Als er Ende 1943 in Aosta verhaftet wurde, musste er entscheiden, ob er als Partisan erschossen oder als Jude behandelt werden wollte. Die Entscheidung für Letzteres, das vermeintlich geringere Übel, brachte ihn ins Durchgangslager Fossoli bei Modena, von wo am 22. Februar 1944 650 jüdische Italiener über den Brenner nach Auschwitz deportiert wurden. Nur 95 Männer und 29 Frauen wurden überhaupt im Lager registriert, alle anderen gleich bei der Ankunft ermordet.

Levi hatte mehrfaches Glück. Dank seiner Chemie- und rudimentären Deutschkenntnisse konnte er Auschwitz bis zur Befreiung 1945 überleben. Er wurde dem Zwangsarbeitskommando der Buna-Werke in Monowitz zugeteilt. Von Levis „Chemie-Prüfung“ liest man in seinem Bericht über sein Jahr in Auschwitz genauso gebannt wie von allen anderen Überlebenstechniken der KZ-Insassen, egal ob es um Schlafplätze, Schuhwerk, Brotrationen, ja sogar den Löffel für die Suppe geht. Von der Lagerhierarchie bis zur Logik der Selektion hat Primo Levi Auschwitz konkret geschildert und mit Worten fassbar gemacht wie niemand vor ihm.

„Ist das ein Mensch?“

„Ist das ein Mensch?“ gehört zu den konkretesten und zugleich humansten Zeugnissen über den Holocaust. Das Buch hat – gerade in seiner Anschaulichkeit – nichts von seiner Aussagekraft verloren; im Gegenteil: Es bringt unserem manchmal akademisch-distanzierten Reden über den Holocaust jene Unmittelbarkeit zurück, die nur schwer zum Sprechritual erstarren kann. Auch weil Levi – lange bevor sich im Gefolge der gleichnamigen Zeitzeugen-Doku der Begriff Holocaust, die zeithistorische Forschung und das Fernsehphänomen der Zeitzeugen-Dokus etablierten – Auschwitz als Hölle beschrieb, im Sinne Dantes: „Hier ist das heil’ge Antlitz keine Hilfe. Ein anderes Schwimmen ist’s hier als im Serchio.“ Immer wieder tauchen Verse aus Dantes „Göttlicher Komödie“ auf. Sie geben Levi und den Mithäftlingen Kraft, Trost und Hoffnung, dass man trotz allem noch an etwas Menschliches glauben kann: „Man schuf euch nicht, zu leben wie die Tiere / Nach Tugend und nach Wissen sollt ihr trachten.“

Schon 1947, kurz nach seiner Rückkehr, hatte er seine Erinnerungen an sein Jahr in Auschwitz (bei einem Mini-Verlag) publiziert, doch das Interesse ging gegen null. 1958 unternahm Levi einen erneuten Anlauf, erfolgreich. Diesmal publizierte der berühmte Turiner Verlag Einaudi seinen Bericht: „Ist das ein Mensch“ erschien bald auch auf Deutsch (1961 in der Fischer-Bücherei, elf Jahre nach dem Tagebuch der Anne Frank) und in insgesamt 38 Sprachen.

Levis Aufzeichnungen über Auschwitz und der Bericht seiner anschließenden Heimkehr-Odyssee durch Osteuropa („Die Atempause“) wurden von Philip Roth zum notwendigsten Buch des 20. Jahrhunderts erklärt. Ruth Klüger, Literaturwissenschaftlerin und selbst Holocaust-Überlebende („Weiter leben“), nannte es einmal „das berühmteste Auschwitz-Buch“. In Bezug auf Levis Vorliebe für Dante und seine Neigung, die Hölle von Auschwitz mit Dantes „Inferno“ zu lesen, bemerkte Klüger, Levi habe das KZ nicht einfach nur beschrieben. Sondern er habe das moralische Chaos beobachtet, ohne innerlich hineingerissen zu werden. Deswegen sei er in der Figurenlogik von Dantes „Inferno“ keineswegs Dante selbst (also ein naiver Höllentourist), sondern Vergil (der den arglosen Dante kundig durch die verschiedenen Dimensionen der Hölle führt), der Wegweiser und Aufklärer mit Verstand.

Vielleicht war es auch Levis naturwissenschaftliche Auffassungsgabe, die ihn das System KZ präziser als andere wahrnehmen ließ. Nuanciert notierte er, wie die Boshaftigkeit des Lagerregimes von seinen Opfern Besitz ergriff, indem es seine Insassen auf ihren Überlebensinstinkt reduzierte. Unsolidarisches Verhalten der Insassen untereinander, in der zynischen Betriebslogik des Vernichtungslagers einkalkuliert, beobachtet Levi auch bei den vom späteren Ostblock glorifizierten „politischen Häftlingen“. Dieser Blick konnte den Antifaschisten nicht gefallen, weswegen „Ist das ein Mensch?“ in der DDR nicht erscheinen durfte. Über die Akte Primo Levi berichtete, erst nach der Wende, die Zeitschrift „Sinn und Form“ (Nr. 2/2000).

Die Frage, warum man selbst überlebte, und das Bewusstsein, dass man es wohl nur auf Kosten anderer konnte, haben sich tief ins Bewusstsein vieler Holocaust-Überlebender eingebrannt. Sie beschäftigte den kürzlich verstorbenen Filmproduzenten Artur Brauner genauso wie Primo Levi. Levi, der studierte Chemiker, bewies später auch mit seinem autobiografisch grundierten Erzählband „Das periodische System“, dass Menschliches und Chemisches sich manchmal verblüffend ähneln. Menschen neigten dazu, Herrschaftsstrukturen auf ihre eigene Natur zu übertragen, wie es bei pseudomorphen Kristallen der Fall ist. Überhaupt sollte man Levis Gabe, die Welt durch die Brille der chemischen Elemente zu studieren, noch einmal genauer betrachten.

Die vor kurzem auf Deutsch erschienene Graphic Novel „Primo Levi“ von Matteo Mastragostino und Alessandro Ranghiasci (aus dem Italienischen von Georg Fingerlos. Bahoe Books, 128 S., 19 €) hat den eingangs erwähnten Zeitzeugenauftritt Levis in seiner Schule zum Gegenstand. Der fragile, aber doch bestechend präzise Strich, mit dem der Comic Levis Erinnerungen an Auschwitz visualisiert, wird der Zeitzeugenschaft von „Ist das in Mensch?“ gerecht. Namentlich das Hin-und-her-Katapultiertsein zwischen Erinnerungen und Albträumen – etwa der Ohnmacht, sich in Auschwitz einen anderen, besseren, hoffnungsvolleren Ort herbeizuwünschen – vermittelt dieser Comic eindrücklich. Last but not least macht er augenfällig, wie dreist, naiv und ungeschützt, aber gerade deswegen aufklärerisch Zeitzeugengespräche vor jungen Menschen funktionieren.

Was kommt nach den Zeitzeugen?

Bücher, die Erfahrungen mit und aus den Schulauftritten schildern, sind überhaupt eine eigene, relativ neue Gattung der Zeitzeugenliteratur. Auch Hédi Frieds gesammelte „Fragen, die mir zum Holocaust gestellt werden“ (im August bei DuMont) speisen sich aus der Konfrontation mit Schülern. Man kann und muss sich fragen, was künftige Medien von der Wucht klassischer Zeitzeugenauftritte, wie es sie bald nicht mehr geben wird, konservieren können. Werden es schriftliche Zeugnisse sein? Oder Videokonserven, wie man sie aus TV-Formaten kennt, in denen Zeitzeugen vor schwarzem Hintergrund sprechen?

Am 11. April 1987 stürzte Primo Levi von seiner im dritten Stock gelegenen Wohnung in Turin das Treppenhaus hinunter. Ob es Selbstmord war oder ein tragischer Unfall, konnte abschließend nie geklärt werden. Für die erste Variante wurden Levis Depressionen geltend gemacht (er betreute seine schwerkranke Mutter) und seine Auschwitz-Erfahrung betont. Ruth Klüger blieb gegenüber diesem Deutungsmuster immer skeptisch: Die Selbstmordthese passe „allzu leicht in eine gängige Vorstellung“. Ignoriert werde die statistische Tatsache, dass die meisten KZ-Überlebenden „nach dem Krieg nützliche, verantwortungsvolle Leben führten und Familien gründeten“. So auch Primo Levi. Wir verdanken ihm die aufklärerische Maxime, die, je weiter das Geschehen zurückliegt, desto notwendiger erscheint: „Wenn Verstehen unmöglich ist, dann ist Wissen notwendig, denn was geschehen ist, könnte zurückkehren.“



Rezensiert von: Marc Reichwein
Link: www.welt.de/kultur/literarischewelt/article197702859/Primo-Levi-Eine-Erinnerung-zum-100-Geburtstag.html