Auf den Spuren der Untergrundarmee

Melodie & Rhythmus, 3. Quartal 2019



Bedrückende Bilder sind es, die der 1965 im oberösterreichischen Linz geborene Thomas Fatzinek in seiner neuen Graphic Novel »Der letzte Weg« präsentiert. Sie zeigen Krieg, Mord, Leid und Resignation. Aber nebst all dem, womit man den Holocaust verbindet, finden sich in Fatzineks Werk auch Bilder von aufkeimender Hoffnung, gespeist durch den organisierten Widerstand gegen die industrielle Vernichtung von sechs Millionen Menschen in Todesfabriken.

Der in Wien lebende Illustrator – der sich selbst auf gut wienerisch »G‘schichtldrucker« nennt – wählte als Sujet den jüdischen Aufstand im Ghetto der polnischen Stadt Bialystok, der 1943 rund drei Monate nach Ende des Warschauer Aufstands stattgefunden hatte. »Dass es dort eine ganze Reihe von Widerstandsbewegungen und Aufständen gab, das ist den meisten Leuten ja gar nicht bewusst«, meint Fatzinek, der mit seiner neuesten Arbeit einerseits gegen dieses Vergessen kämpfen und auch die Vergangenheit der eigenen Familie aufarbeiten will. »Einer meiner beiden Väter erzählte immer ganz stolz, dass er früher im zweiten Weltkrieg im Osten ‚Räubernester ausgeräuchert‘ hat, wie er es nannte. Ich konnte mir ungefähr vorstellen, was das wohl heißen würde und das hat mich einfach nicht mehr losgelassen«, berichtet er. »Für mich ist das Zeichnen solcher Geschichten auch meine persönliche Art von antifaschistischem Kampf.«

Dass die Wirkung seiner Arbeit ihre Grenzen hat, ist Fatzinek durchaus bewusst: »Ich erwarte mir jetzt nicht, dass ich da unzählige Leute zu überzeugten Antifaschisten mache und die Welt groß umkremple. Meine Comics sind meist sowieso nur was für Insider. Ich betrachte sie eher als einen Einstieg, und wenn sich dann wirklich jemand davon angesprochen fühlt und sich dafür interessiert, dann gibt es genug weiterführende Literatur. Meine Bücher sollen also ein erster Antrieb sein, sich tiefer mit etwas auseinanderzusetzen«, so der Autor, der selbst erst einmal intensiv zum Aufstand von Bialystok recherchieren musste.

Als Hauptquelle dienten ihm dabei die fast 500 Seiten umfassenden Erinnerungen von Chaika Grossman, Mitglied der damals sozialistischen zionistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair, die in deutscher Übersetzung 1993 unter dem Titel »Die Untergrundarmee« erschienen sind. Mit Liza Chapnik und Chasia Bornstein-Bielicka gehörte Grossman zu den mutigen jungen Frauen aus Bialystok, die nicht nur den Widerstand im Ghetto organisierten, sondern es auch mit gefälschten Papieren verließen, um Waffen hinein zu schmuggeln und Kontakt mit sowjetischen Partisanen zu halten.

Fatzinek begnügte sich aber nicht mit dieser einen Quelle. »Ein halbes Dutzend Bücher habe ich gelesen, bevor ich zu arbeiten angefangen habe. Es ist mir immer wichtig, historisch akkurat zu sein und möglichst nah an der Realität zu bleiben. Wenn man mir sagt, dass man meinen Zeichenstil nicht mag, dann kann ich damit ganz gut leben. Aber würden mir Historiker erklären, dass ihnen Fehler aufgefallen sind, dann würde mich das schon hart treffen, denn ich versuche immer eigentlich möglichst nah an der Realität zu bleiben.«

Bei einem historisch mächtigen Thema wie dem Völkermord an den Juden allerdings stellt sich dann doch die Frage, ob es nicht die Grenzen des Mediums Comic sprengt. »Ich glaube nicht«, meint Fatzinek. »Immerhin nehme ich die Berichte von damals und auch die originalen Photographien, historische Reproduktionen und Zeichnungen der Opfer als Vorlage – die, wenn man konsequent zu Ende argumentiert, ebenso an die Grenzen der Darstellungsmöglichkeiten stoßen, denn es sind ebenso Bilder wie die Comics.« Das Blutvergießen, die Gräueltaten stellt Fatzinek ohnehin nicht in seinen Werken dar, sondern deutet sie in der Regel nur an und überlässt sie der Phantasie, die durch solche Impulse oft eindringlicher wirken kann, als es jede Zeichnung vermag. Das gilt auch für Fatzinek selbst: »Die Bilder in meinem Kopf sind oft nicht schön. Nicht selten muss ich die Arbeit für längere Zeit ruhen lassen, weil ich mich einfach nicht mehr damit beschäftigen kann«, gesteht er. »Genau diese Dinge aber, die mich emotional so berühren, sind es dann, die ich in meinen Comics festhalte.«



Rezensiert von: Christian Kaserer
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