Verdad

Neues Deutschland, 1./2. 6. 2019



Etwas ältere Leserinnen und Leser werden sich von »Verdad«, einer grafisch sehr eigenwilligen, faszinierenden Bildgeschichte der italienischen Zeichnerin Lorena Canottiere, gefangen nehmen lassen können. »Verdad« heißt auf Spanisch »Wahrheit«, das ist auch der Name der Titelheldin, deren Abenteuer im Spanien der 1930er Jahre beginnt. Auf den ersten Seiten wird der Leser in die Kämpfe republikanischer Einheiten gegen die Franco-Faschisten hineingezogen. Die junge Verdad wird von einer Granate verletzt, ihr Arm muss am- putiert werden. Fast übergangslos wechselt die Geschichte zu dem unehelichen Kind Verdad, das bei der Großmutter in der erzkatholi- schen, muffigen Enge eines Dorfes lebt. Um die Mutter muss ein Geheimnis sein, die Großmutter verflucht sie als Schlampe, weil sie sich einer Gruppe angeschlossen hat, die in einer Gemeinschaft in Monte Veritá lebt. Jahre später kommt sie zurück in das Dorf. Die Bewohner verschwinden nach und nach auf mysteriöse Weise. Das scheint verbunden mit der Geschichte einer anderen Frau, die dort selbstbestimmt, aber von den Dörflern geschnitten, mit ihrem Freund. Als dieser stirbt, nimmt ei- ne Unglücksserie ihren Anfang. Und dann gibt es noch einen legendären Fuchs, der zum stillen Gefährtenwird. Verdad kämpft. Gegen die Faschisten, gegen die Frauenfeindlichkeit in den eigenen Reihen, gegen das Gefühl, mit ihrem amputierten Arm nur eine halbe Frau zu sein. Und gegen die Erkenntnis, dass der Krieg auch die Guten zu Schuldigen macht. Nach der Niederlage der Republikaner muss Verdad über die Grenze fliehen, vielleicht nach Monte Veritá, der radikalsozialistischen Utopie, die es tatsächlich gab, die u.a. Ernst Bloch, Erich Mühsam und Hermann Hesse aufsuchten. Die Erzählung ist anspruchsvoll, in rot-grün-gelbdominierter Pastellschraffur gehalten und ab 14 Jahren geeignet.



Rezensiert von: Mario Pschera
Link: www.neues-deutschland.de/artikel/1119900.schneckenglueck-und-schweinebande-verdad-und-zenobia.html?sstr=Schneckengl%C3%BCck