Gerahmte Diskurse

Comic-Ausstellung, Linke Buchtage 05/2019



Mit Angola Janga ist dem Brasilianer Marcelo D’Salete nach elf Jahren Recherche ein Meisterwerk gelungen: In ausdrucksstarken, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt er von afrikanischen Sklav*innen, die Ende des 16. Jahrhunderts aus portugiesischer Gefangenschaft im Nordosten Brasiliens in die Berge von Pernambuco flohen und dort ihr Leben in Freiheit und das von ihnen errichtete unabhängige »Klein Angola« mit Orten mit bis zu 6.000 Bewohner*innen über knapp 100 Jahre hinweg gegen wiederholte Angriffe von Bandeirantes im Dienste des portugiesischen Kolonialismus verteidigten.

Eine Geschichte von Freiheit setzt ein mit Soares’ Flucht von einer Zuckerplantage; sein Leben und seine Entwicklung bilden die Grundstruktur des nicht linear erzählten Werkes. Neben Soares spielen weitere Charaktere eine wichtige Rolle in D’Saletes Angola Janga, darunter die Könige Zumbi, an dessen Verrat und Ermordung der am 20. November in Brasilien begangene »Black Consciousness Day« erinnert, sowie Ganga Zumba, der mit den Portugiesen einen Friedensvertrag schloss, welcher zur Spaltung der Schwarzen Gemeinschaft führte; außerdem der Kollaborateur Zona, die Kriegerin Andala und der weiße Deserteur Joaquim. D’Salete nutzt diese verschiedenen Charaktere, um ein vielstimmiges und facettenreiches Bild von Angola Janga zu zeichnen: Keine dieser Figuren ist ausschließlich gut oder böse; sie werden in ihrer Menschlichkeit, Fehlbarkeit und Unvollkommenheit dargestellt.

Wiederkehrende Elemente der 430 Seiten umfassenden monumentalen Graphic Novel sind das Spinnennetz »Ananse Ntontan« sowie die Punkte und gewundenen Linien der »Sona« – Symbole, die ihren Ursprung in Ghana bzw. bei den hauptsächlich im Nordosten Angolas lebenden Chokwe haben. Zum ersten Mal taucht die Sona am Anfang, während Soares’ Flucht, als Wegweiser auf – um am Ende des Werkes erneut diese Funktion einzunehmen: Im letzten der elf Kapitel, dem wie immer ein Zitat aus einer zumeist zeitgenössischen Quelle, d. h. aus einem Schriftstück der Kolonisatoren, vorangestellt ist, nähert sich D’Salete aus dem Universum dem Planeten Erde, zoomt auf Südamerika, Brasilien und schließlich in eine heruntergekommene Gasse São Paulos. Dort sitzt ein mutlos wirkendes Schwarzes Mädchen, das ein an die Sona erinnerndes gesplittertes Loch in der Straße entdeckt. Sie fällt in dieses Loch ... und erscheint wieder als Dara, eine Sklavin, die noch lange nach dem verlorenen Krieg gegen die Bandeirantes von der Freiheit träumt und der es schließlich gelingt, sich aus der Gefangenschaft zu befreien.



Rezensiert von: Silv Bannenberg
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