Valters letzter Streich

Wespennest Nr. 176, 26. 4. 2019



Linke Mythen gibt es viele – auch im Comic. Anders als Roland Barthes dies zur Mitte der Sechziger konstatierte, führt ihre Darstellung entlang der Linien eines warenförmig zugerichteten Konsumprodukts jedoch nicht zwangsläufig zur entpolitisierten Aussagen – im Gegenteil: Es gibt Mythen, die erst durch beständige Wiederholung ihr politisches Potenzial entfalten, Mythen, die nur durch eine andere Form der Erzählung bis in die ‚Gegenwart hineinwirken. Einer davon ist der des lateinamerikanischen Guerilleros, der aus politischer Überzeugung ins Feld zieht und dort stets unverwundbar bleibt. In Graphic Novels ist er ein willkommener Gast. Mit Castro (2010) widmete etwa Reinhard Kleist dem kubanischen Máximo Líder unlängst wieder ein Biopic und Spain Rodriguez stilisierte seinen Kombattanten in Che: A Graphic Biography 2008 erneut zu einer Ikone linker Militanz.

Lateinamerikanische Länder waren bislang willkommene Projektionsflächen für eine Figur, die seit den Napoleonischen Kriegen auch erste Spuren in Europa hinterlassen haben dürfte. Bei genauerer Lektüre entpuppt sich der von Carl Schmitt in seiner Theorie des Partisanen unternommene Versuch, die exotisierten Ikonen der neuen Linken nachträglich einzubürgern, jedoch als falsche Fährte. Schmitts Partisan bildet keine Allianzen auf Basis der bevorstehenden Weltrevolution; er geriert sich lediglich als tellurischer Kämpfer, der seine Scholle gegen den Feind verteidigt, oder heideggerianisch gesprochen, sein Zeug mit der Egge schützt. Ein politisches Begehren liegt seinen Scharmützeln ebensowenig zugrunde wie der Schmitt´schen Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Wenn jugoslawische Guerilleros auf das Medium Comic treffen, sind hingegen andere Kräfte am Werk. Mit historischen Realitäten haben diese oftmals mehr zu tun, als ihren Zeichner_innen lieb ist.

Es zählt zu den Verdiensten des Wiener Independent-Verlags bahoe books, mit der Neuauflage von Ahmet Muminovićs jugoslawischem Comic-Klassiker Valter verteidigt Sarajevo eine bislang wenig bekannte Geschichte des antifaschistischen Widerstands fortzuschreiben – in einem Land, dem die k.-u.-k.-Stabsstellen der Gegenwart keine eigenständige Comic-Tradition, dafür aber viel Bohneneintopf mit einem Schuss bierseliger Melancholie konzedieren. Über sechs Episoden hinweg, auf die ein Bilderteil aus dem Fotoalbum des posthum mit Staatsbegräbnis und Monument im Gedenkparl Vraca bedachten Revolutionärs Vladimier Perić Valter folgt, werden die Leser_innen außer Atem gehalten. Bis zur Befreiung Sarajevos im April 1945 koordinierte der 1919 in der serbischen Kleinstadt Prijepolje geborene Kommunist und Antifaschist sämtliche Aktionen der jugoslawischen Partisan_innen im Untergrund. Man kannte ihn auch als Petruskin, Ivica oder Papaj und ein Ruf eilte ihm voraus: Wenn es jemanden gab, der die dazumal noch bosnische Hauptstadt von den Faschist_innen und ihren Kollaborateur_innen – darunter auch die kroatisch-nationalistische Ustaša-Milizen und die serbisch-roaylistischen Tschetniks-Verbände – befreien konnte, dann war es Valter. Im Gewand des Feindes hat er seine Gegner düpiert – und mit ihnen auch die Lerser_innen: Erst im Nachhinein wird Valter als der vermeintliche Nazi-Komplize enttarnt, für den er auf den ersten Seiten des Comics noch gehalten wird.

Muminovićs Valter ist eine physisch volatile, aber politisch höchst zuverlässige Figur. Von einem Netz an loyalen Genoss_innen getragen, weiß er, wann er untertauchen muss und wann zurückschlagen, wo die Waffen sind und wann es zu Versorgungsengpässen kommen wird. Sein Faustschlag ist so treffsicher wie die Granaten, die er zündet, und mit politischer Klugheit haben diese Zündungen viel zu tun. So etwa erkennen Valter und seine Genoss_innen sofort, was sich hinter den im November 1944 an die Bevölkerung von Sarajevo gerichteten Nazi-Plakaten verbirgt. Mit der Aussicht auf Versorgungskarten warben die Faschist_innen um Arbeitskräfte. (Abbildung) Gemeinsam mit seinen Mitkämpfern Zis und Suri sprengt Valter daraufhin die Druckerei, die für die Vervielfältigung der Plakate verantwortlich zeichnet – und wird vor dem Versorgungslager der Deutschen positiv überrascht: Noch ehe eine_r zur Arbeit ging, war das Depot mit Kleidung und Nahrungsmittel längst geplündert worden. In einer stark dynamisierten und temporeichen Episode wie dieser kommt einmal mehr das für Muminovićs Comics typische Moment zum Ausdruck. Fernab vom Pathos lateinamerikanischer Hagiografien wird darin in pikaresker Tradition erzählt. Muminovićs Valter ist jedoch kein braver Schwejk, der im Moment der Gefahr den Kompromiss einer falschen Feindesliebe riskiert – er ist und bleibt einer, der weiß, wo die Grenze liegt. Auch aus diesem Grund bleibt er unsterblich: Sein letzter Streich wird immer schon der erste gewesen sein.



Rezensiert von: Barbara Eder
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