Es gibt ein Leben nach den Barrikaden

Vorwärts, 22. 3. 2019



Geboren am 17.November

Auch der Autor des Buches «Geboren am 17.November» hat eine schwere persönliche und politische Niederlage erlebt. Dimitris Koufontinas war der Gründer der Bewegung 17.November, einer kommunistischen Guerilla aus Griechenland. Über viele Jahre übernahm sie für viele Anschläge die Verantwortung, ohne dass die Ermittlungsbehörden ihr auf die Spur kamen. Bis zum 29. Juni 2002. An diesem Tag wurde Savvas Xiros lebensgefährlich verletzt, als er aus Solidarität mit streikenden Hafenarbeiter*innen im Hafengelände von Athen eine Bombe platzieren wollte. Er überlebte schwerverletzt und musste sich gegen Isolationshaftbedingungen zur Wehr setzen. 2007 übersetzte die in Athen lebende Journalistin Heike Schrader das von Savvas veröffentlichte Buch «Guantánamo auf Griechisch: Zeitgenössische Folter im Rechtsstaat» ins Deutsche. Dimitris Koufontinas war mit Savvas an dem Anschlag beteiligt und sah seine lebensgefährliche Verletzung. Savvas wurde unter schweren Medikamenten verhört, so dass die Ermittlungsbehörden an Namen und Strukturen der Organisation kamen. Koufontinas konnte zunächst untertauchen und beobachtete, wie immer mehr Gruppenmitglieder verhaftet wurden, Aussagen machten und sich von der Gruppe und dem bewaffneten Kampf distanzierten. Das war der Grund für ihn, sich der Justiz zu stellen und die politische Verantwortung zu übernehmen.

Versuch einer Selbstkritik

Mit dem Buch legte er einen politischen Rechenschaftsbericht ab, der auch Leser*innen beeindruckt, die mit den politischen Prämissen des Schreibers nicht übereinstimmen. Koufontinas gibt einen subjektiven Rückblick auf die Geschichte Griechenlands nach 1945. Als in vielen Ländern die NS-Herrschaft und die ihrer Unterstützer zerbrach, konnten die griechischen Naziverbündeten mit Unterstützung Grossbritanniens weiter die Macht ausüben. Nachdem sich die Lage in Griechenland zuspitzte, begann der Bürgerkrieg, der wesentlich von der Kommunistischen Partei organisiert wurde. Nach der Zerschlagung des kommunistischen Aufstands in Griechenland setzte eine gnadenlose Repression gegen alle Oppositionellen ein, die sich nach dem Militärputsch von 1967 noch verschärfte.
Doch auch der 1968er Aufbruch ging an Griechenland nicht spurlos vorüber. Dieser kulminiert in dem blutig niedergeschlagenen Aufstand an der Athener Universität. Das Datum gab der Guerilla-Gruppe ihren Namen. Koufontinas beschreibt die Enttäuschung über die legalistische Taktik der Kommunistische Partei, was aber nicht den Bruch mit dem Kommunismus bedeutet. Wie in vielen anderen Ländern entstand auch in Griechenland im Aufbruch nach 1968 Gruppen, die die Geschichte der kommunistischen Bewegungen mit dem bewaffneten Kampf von Che Guevara verbinden wollten. Der Autor versucht eine Selbstkritik, die aber dadurch begrenzt ist, dass er das – von ihm wesentlich geprägte – Projekt verteidigt, weil damit auch sein Leben verbunden ist. Wahrscheinlich wird er das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen. So beschreibt Koufontinas, wie er nach dem Unfall von Savvas zu dem für solche Fälle festgelegten Treffen ging und niemand ausser ihm vor Ort war, wie er als Einziger verzweifelt versuchte, Beweise zu beseitigen, als sich seine Ex-Genoss*innen bereits über ihre Aussagen Gedanken machten. Hier wäre eine fundamentale Kritik am strikten Kaderprinzip angebracht, die er wohl nicht leisten kann, ohne sein ganzes Lebensziel infrage zu stellen. Daher verwendet er auch gelegentlich Allegorien, die fast religiöse Züge haben. So, wenn er beschreibt, wie ihn eine alte Frau in Bauerntracht mit ihren Blicken Mut zugesprochen hat, als er den Entschluss fasste, sich der Polizei zu stellen.
Dass Koufontinas Rechenschaftsbericht nun dank des Bahoe Books-Verlag auch auf Deutsch zu lesen ist, sollte als Einladung zur kritischen Debatte verstanden werden. In einer Zeit, in der selbst in sich links verstehenden Medien der Terrorismusbegriff gegenüber militant kämpfenden Linken ziemlich kritiklos verwendet wird, geben die Bücher von Anne Reiche und Dimitris Koufontinas Gelegenheit, die Perspektive der Menschen kennen zu lernen, die sich auf unterschiedliche Weise an solchen militanten Kämpfen beteiligt haben. Wir erfahren über ihre Träume und Utopien, über ihre Kämpfe, aber auch über ihre Fehler und Niederlagen. Sie sorgen so dafür, dass die linke Geschichte eben nicht den Verfolgungsbehörden überlassen wird.



Rezensiert von: Peter Nowak
Link: peter-nowak-journalist.de/2019/03/27/es-gibt-ein-leben-nach-den-barrikaden/